
Was andere nicht sehen, wenn man "nichts tut" – Psychische Erkrankungen im Alltag
- Stefanie Garmatter
- 2. Juni
- 8 Min. Lesezeit
Hallo ihr Lieben ❤️
Wenn Menschen hören, dass jemand nicht arbeitet, krankgeschrieben ist oder wie ich eine IV-Rente und eine Invalidenpension bekommt, entstehen oft bestimmte Bilder im Kopf.
Vielleicht denken manche, dass diese Person den ganzen Tag Zeit hat. Dass sie ausschlafen kann, machen kann, worauf sie Lust hat, keinen Stress mit der Arbeit hat und sich um Dinge kümmern kann, für die andere neben ihrem Berufsalltag noch Energie aufbringen müssen. Oder auch einfach keine Lust hat zu arbeiten und den ganzen Tag zuhause herumchillt.
Von aussen sieht es manchmal tatsächlich so aus, als würde ich nicht viel tun und einfach mein Leben geniessen. Doch genau darum soll es heute gehen. Denn was andere sehen und was tatsächlich passiert, sind oft zwei völlig verschiedene Dinge.
Von aussen sieht es aus, als würde ich nichts tun
Es gibt Tage oder sogar Wochen, an denen mein Leben von aussen betrachtet vermutlich ziemlich unspektakulär aussieht. Ich bin zuhause. Ich gehe mit Blue spazieren. Ich erledige etwas Papierkram. Ich bastle manchmal viel und schreibe viele Blogeinträge. Ich räume vielleicht die Küche auf oder gehe einkaufen.
Manchmal schlafe ich viel. Manchmal sogar sehr viel und tue fast nichts.
Wer mich nur von aussen betrachtet, könnte sich fragen, warum ich so erschöpft bin. Schliesslich arbeite ich nicht. Ich habe keine körperlich anstrengende Tätigkeit. Ich sitze nicht acht Stunden täglich im Büro.
Manche Menschen denken vielleicht sogar, dass ich es gut habe. Dass ich den ganzen Tag Zeit habe. Zeit für Haushalt. Zeit für meine Hobbys. Zeit für alles, was ich gerne machen möchte.
Doch genau dort beginnt das Problem. Menschen sehen oft nur, was ich tue. Sie sehen nicht, was es mich kostet.
Was Menschen nicht sehen
Man sieht nicht die Anspannung, die Überforderung, die dunklen Gedanken und das Chaos im Kopf. Man sieht nicht die Selbstzweifel. Und man sieht nicht, wie viel Energie es kosten kann, überhaupt aufzustehen.
Die Menschen sehen vielleicht, dass ich mit Blue draussen war und geduscht habe. Sie sehen vielleicht, dass ich die Wäsche gemacht habe oder dass ich einkaufen war.
Was sie nicht sehen, ist, dass mich genau diese Dinge vielleicht die gesamte Energie des Tages gekostet haben. Man sieht nur das Ergebnis, nicht die Kosten. Für viele Menschen sind Haushalt, Einkaufen, Termine und Selbstfürsorge Dinge, die sie zusätzlich zu ihrem Arbeitsalltag schaffen. Für mich sind diese Dinge manchmal bereits wie ein ganzer Arbeitsalltag.
Wenn selbst kleine Aufgaben zu gross werden
Aktuell befinde ich mich wieder in einer solchen Phase. Ich bin ständig müde. Nicht dieses normale "Ich habe schlecht geschlafen" müde. Sondern eine Erschöpfung, die sich durch den ganzen Körper zieht. Alles fühlt sich schwer an. Jede noch so kleine Aufgabe wirkt plötzlich wie ein riesiger Berg.
Ein Telefonat führen. Einen neuen Hausarzt suchen. Zur Physiotherapie gehen. Den Geschirrspüler ausräumen, Wäsche waschen, Papierkram erledigen, den Umzug planen, einkaufen, kochen, Duschen, mit Blue rausgehen.
Dinge, die für viele Menschen selbstverständlich sind, fühlen sich plötzlich an, als müsste ich einen Marathon laufen. Ich schlafe momentan sehr viel. Morgens komme ich kaum aus dem Bett. Nach der ersten Runde mit Blue lege ich mich oft wieder auf die Couch und schlafe erneut ein. Manchmal bis fast zum Mittag. Oft muss ich mich sogar zum Aufstehen zwingen, denn sonst würde ich vermutlich den ganzen Tag schlafen. Und das Schlimmste daran ist nicht einmal die Müdigkeit, das Schlimmste sind oft die Gedanken, die dadurch entstehen.
Ich fühle mich schlecht. Ich werde wütend auf mich selbst. Ich hasse mich dafür, dass ich so wenig schaffe. Ich frage mich, warum ich nicht einfach funktionieren kann. Warum ich nicht einfach aufstehen und die Dinge erledigen kann, die erledigt werden müssten. Und Brunhilde hat da natürlich auch immer ganz viel dazu zu sagen. Und so wird die Selbstabwertung immer grösser.
Wenn sogar die schönen Dinge verschwinden
Was von aussen vielleicht ebenfalls schwer zu verstehen ist: Auch die Dinge, die ich liebe, werden in solchen Phasen plötzlich schwer. Ich bastle unglaublich gerne Karten und ähnliche Dinge. Es ist eines meiner grössten Hobbys und normalerweise etwas, das mir Freude macht und bei dem ich abschalten kann. Auch das Schreiben für meinen Blog bedeutet mir sehr viel. Doch wenn die Erschöpfung besonders stark wird, verliere ich oft sogar den Zugang zu diesen Dingen. Dann sitze ich vor meinem Bastelmaterial und spüre nichts. Ich habe keine Ideen. Keine Kreativität. Keine Energie. Nicht einmal Lust auf etwas, das ich eigentlich liebe.
Das Gleiche passiert manchmal mit dem Schreiben. Der Unterschied ist nur, dass mir das Schreiben oft hilft, meine Gedanken zu sortieren und Dinge zu verarbeiten. Deshalb finde ich manchmal noch einen Zugang dazu, selbst wenn sonst kaum noch etwas geht. Aber auch das gelingt nicht immer. Und genau das zeigt mir oft selbst, wie schlecht es mir gerade wirklich geht.
Denn wenn sogar die Dinge verschwinden, die mir normalerweise Freude machen, dann weiss ich, dass ich nicht einfach nur einen schlechten Tag habe. Dann steckt mehr dahinter.
Von aussen sieht es vielleicht so aus, als hätte ich jede Menge Zeit für meine Hobbys. Die Wahrheit ist jedoch, dass Zeit und Energie nicht dasselbe sind. Ich habe vielleicht Zeit, aber manchmal fehlt mir genau das, was ich bräuchte, um diese Zeit überhaupt nutzen zu können.
Wenn der Körper irgendwann abschaltet
Das Schwierige ist, dass ich oft sehr genau weiss, was mir helfen würde. Ich weiss, welche Strategien ich anwenden könnte, was ich tun sollte. Aber manchmal fehlt einfach die Kraft dafür.
Nicht der Wille, die Kraft.
Es ist, als hätte mein Körper irgendwann beschlossen, dass nichts mehr geht. Als hätte jemand den Stecker gezogen. Dann ist da keine Energie mehr für Veränderungen, für Termine und für soziale Kontakte. Und manchmal fühlt sich sogar die Therapie nach zu viel an. Alles wird unglaublich anstrengend. Alles wird schwer wie Blei. Und am Ende bleibt oft nur noch eines übrig: Existieren.
Manchmal sieht es von aussen so aus, als würde ich nichts tun. In Wirklichkeit kostet mich das Überleben in diesen Phasen bereits meine ganze Kraft.
Es ist nicht Faulheit - Vorurteile gegenüber psychischen Erkrankungen
Was mich manchmal traurig macht, ist die Vorstellung, dass andere Menschen dieses Unsichtbare nicht sehen können. Wenn jemand mit Krücken läuft, sieht jeder sofort, dass etwas nicht in Ordnung ist. Wenn jemand im Rollstuhl sitzt, stellt kaum jemand infrage, dass diese Person Einschränkungen hat.
Psychische Erkrankungen funktionieren oft anders. Man sieht sie nicht. Man sieht keine Wunde, keinen Verband, keine Krücken, keine Narbe und genau deshalb werden die Auswirkungen häufig unterschätzt.
Mein Leiden wird nicht kleiner, nur weil man es nicht sehen kann. Und ich bin nicht faul, nur weil ich Tage oder Wochen habe, in denen ich kaum etwas schaffe. Es gibt Tage, an denen selbst duschen, essen oder den Geschirrspüler ausräumen sich anfühlen wie Aufgaben, für die ich eigentlich keine Kraft mehr habe.
Vielleicht trifft mich dieses Thema auch deshalb so sehr, weil ich immer wieder erlebe, wie schnell Menschen über andere urteilen.
Ich höre manchmal, wie über Personen gesprochen wird, die wegen psychischer Probleme krankgeschrieben sind. Dann fallen Sätze wie: "Der simuliert doch nur." Oder: "Die will einfach zuhause bleiben und nicht arbeiten." Manchmal wird sogar gesagt, dass es höchste Zeit gewesen sei, diese Person zu kündigen.
Und jedes Mal macht mich das nachdenklich.
Denn die meisten Menschen wissen gar nicht, was hinter einer psychischen Erkrankung wirklich steckt.
Sie sehen nicht die Therapie, die Klinikaufenthalte, die schlaflosen Nächte, die Erschöpfung und die Kämpfe, die im Kopf stattfinden. Sie sehen nur das, was an der Oberfläche sichtbar ist.
Vielleicht beschäftigt mich das auch deshalb so sehr, weil ich nicht behaupten kann, immer alles richtig zu machen. Auch ich erwische mich manchmal dabei, solchen Gesprächen zuzuhören, nichts zu sagen oder zuzustimmen.
Doch sobald ich später darüber nachdenke, bleibt oft ein unangenehmes Gefühl zurück. Weil ich selbst weiss, wie schmerzhaft es sein kann, wenn Menschen über etwas urteilen, das sie gar nicht sehen können.
Das Gleiche passiert auch bei anderen Dingen. Wenn jemand ungepflegt wirkt oder nach Schweiss riecht, wird oft sofort geurteilt. Dann heisst es vielleicht, die Person sei faul, unsauber oder kümmere sich nicht um sich selbst. Aber kaum jemand fragt sich, warum das so sein könnte. Vielleicht kämpft diese Person gerade mit einer schweren Depression. Vielleicht schafft sie es seit Tagen kaum aus dem Bett. Vielleicht kostet sie bereits das blosse Überleben ihre gesamte Kraft.
Wir wissen es nicht.
Und genau deshalb finde ich solche Urteile so schwierig. Besonders deshalb, weil ich selbst weiss, wie es sich anfühlt, wenn einem die eigene Erkrankung abgesprochen wird. Und manchmal löst es in mir sogar die Frage aus, ob über mich vielleicht genauso gesprochen wird, wenn ich nicht dabei bin. Ob Menschen vielleicht auch denken, ich würde übertreiben. Ob sie glauben, ich hätte einfach keine Lust. Oder ob sie ebenfalls nur das sehen, was von aussen sichtbar ist.
Dabei steckt hinter psychischen Erkrankungen oft viel mehr, als andere jemals mitbekommen.

Nicht alles an der Frührente ist Freiheit
Ja, es stimmt. Es gibt Dinge, für die ich dankbar bin. Ich muss nicht mehr versuchen, in einer Arbeitswelt zu funktionieren, die für Menschen wie mich oft keinen Platz hat. Ich muss mich nicht jeden Morgen zur Arbeit schleppen, obwohl mein Körper und mein Kopf längst am Limit sind. Und ich kann viel Zeit mit Blue verbringen, was für mich ein grosses Geschenk ist. Und ich habe viel Zeit für die Dinge, die ich gerne tue.
Aber das bedeutet nicht, dass alles einfach schön ist. Die Rente habe ich nicht bekommen, weil ich mich ein bisschen anstelle. Ich habe sie nicht bekommen, weil ich keine Lust auf Arbeit habe. Und ich habe sie nicht bekommen, damit ich zuhause sitze und das Leben geniesse.
Ich habe sie bekommen, weil meine Erkrankungen mich in vielen Bereichen so stark einschränken, dass ein normales Arbeitsleben für mich nicht mehr möglich ist. Und wenn ich ehrlich bin, würde ich meine Erkrankungen jederzeit gegen ein normales Leben eintauschen.
Gegen mehr Belastbarkeit. Gegen weniger Chaos im Kopf. Gegen weniger starke Emotionen. Gegen weniger dunkle Gedanken. Gegen mehr Energie, mehr Lebensfreude und mehr Unbeschwertheit.
Ich würde gerne arbeiten können. Nicht, weil ich arbeiten muss, sondern weil ich es gerne könnte.
Viele Menschen sehen nur den Stress, den Arbeit verursacht. Was sie oft nicht sehen, ist das, was man verliert, wenn man nicht mehr arbeiten kann. Arbeit bedeutet auch soziale Kontakte, Gespräche, Dabeisein, das Gefühl, gebraucht zu werden. Einen Grund zu haben, morgens aufzustehen und irgendwo dazuzugehören.
Stattdessen verbringe ich einen grossen Teil meiner Zeit alleine zuhause. Auch das ist etwas, das viele Menschen nicht sehen.
Sie sehen die freie Zeit. Sie sehen nicht die Einsamkeit, die manchmal damit einhergeht.
Das ist kein Privileg. Es ist die Konsequenz meiner Erkrankungen.
Was ich mir wünsche
Ich wünsche mir nicht, dass jeder versteht, wie es sich anfühlt. Das ist wahrscheinlich gar nicht möglich. Aber ich wünsche mir manchmal etwas mehr Verständnis dafür, dass man nicht jede Belastung sehen kann.
Dass Menschen kämpfen können, ohne dass man es bemerkt. Dass jemand erschöpft sein kann, obwohl er den ganzen Tag zuhause war. Und dass es Phasen gibt, in denen Existieren bereits unglaublich viel Kraft kostet.
Ich wünsche mir aber auch, dass wir als Gesellschaft etwas vorsichtiger mit unseren Urteilen werden. Nicht nur gegenüber Menschen wie mir, die aufgrund ihrer Erkrankung nicht mehr arbeiten können. Sondern auch gegenüber denen, die jeden Tag versuchen, trotz ihrer psychischen Erkrankung arbeiten zu gehen.
Gegenüber Menschen, die krankgeschrieben sind.
Gegenüber Menschen, die erschöpft wirken.
Gegenüber Menschen, die ungepflegt erscheinen.
Gegenüber Menschen, die kämpfen, ohne dass wir ihre Geschichte kennen.
Denn wir sehen oft nur das Verhalten. Wir sehen selten die Gründe dahinter.
Wir sehen die Person, die zuhause bleibt. Aber wir sehen nicht die schlaflosen Nächte.
Wir sehen den Menschen, der krankgeschrieben ist. Aber wir sehen nicht die Kraft, die ihn das tägliche Überleben kostet.
Wir sehen jemanden, der ungepflegt wirkt. Aber wir sehen nicht die Depression, die dahinterstehen könnte.
Und wir sehen jemanden, der nicht arbeitet. Aber wir sehen nicht alles, was er dafür verloren hat.
Wenn ich die Wahl hätte, würde ich meine Erkrankungen jederzeit gegen mehr Belastbarkeit, mehr Energie, mehr Unbeschwertheit und ein ruhigeres Leben eintauschen. Deshalb wünsche ich mir manchmal einfach, dass wir ein wenig häufiger innehalten, bevor wir über andere Menschen urteilen.
Denn hinter Dingen, die auf den ersten Blick nach Faulheit, Gleichgültigkeit oder mangelnder Anstrengung aussehen, steckt manchmal ein Kampf, den niemand sieht.
Und manchmal besteht der grösste Erfolg eines Tages nicht darin, besonders produktiv gewesen zu sein. Manchmal besteht er einfach darin, den Tag irgendwie überstanden zu haben.
Ich hoffe, ich konnte euch mit diesem Beitrag einen ehrlichen Einblick in etwas geben, das von aussen oft unsichtbar bleibt. Passt gut auf euch auf und vergesst nicht, dass man einem Menschen nicht immer ansieht, welchen Kampf er gerade führt.
Habt noch einen schönen Tag. ❤️




Ich ha müesse brüele, wil ich das so unglaublich guet nachempfinde cha. Danke fürs Teile vo dine Gedanke und Gfühl…….