
Mit BPS und kPTBS klarkommen in der Arbeitswelt
- Stefanie Garmatter
- 10. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Hallo ihr Lieben ❤️
Dieser Beitrag fällt mir nicht leicht zu schreiben. Nicht, weil ich nicht weiß, was ich sagen möchte, sondern weil diese Erfahrungen tief sitzen. Trotzdem ist es mir wichtig, darüber zu sprechen. Nicht, um anzuklagen, sondern um sichtbar zu machen, wie schwierig es sein kann, mit einer psychischen Erkrankung in der heutigen Arbeitswelt zu bestehen.
Arbeiten mit einem Nervensystem im Dauerstress
Mit Borderline-Persönlichkeitsstörung und kPTBS zu arbeiten bedeutet für mich vor allem eines: permanent gegen mich selbst anzukämpfen. Gegen ein Nervensystem, das schneller überfordert ist. Gegen Gefühle, die intensiver sind. Gegen eine innere Anspannung, die sich im Kontakt mit Menschen und unter Leistungsdruck massiv verstärkt.
Zwischen Funktionieren und innerem Zusammenbruch
Der Umgang mit Kolleg:innen war für mich oft extrem herausfordernd. Konflikte, auch kleine und unausgesprochene Spannungen, haben mich innerlich zerrissen. Schlechte Tage hatten im Arbeitsalltag keinen Platz. Es wurde erwartet, zu funktionieren.
Immer.
Unabhängig davon, wie es mir psychisch ging. Und genau das wurde mir mit der Zeit immer unmöglicher.
Leistungsdruck ohne Orientierung
Besonders belastend war für mich der ständige Leistungsdruck. Ich hatte fast durchgehend das Gefühl, nicht genug zu leisten, obwohl ich sehr viel gegeben habe. Gleichzeitig habe ich kaum Rückmeldung bekommen, ob meine Arbeit gut ist oder nicht. Dieses fehlende Feedback hat meine innere Unsicherheit enorm verstärkt. Jeder Arbeitstag fühlte sich an wie eine Prüfung, bei der ich nie wusste, ob ich gerade durchfalle. Das ging mir bei jedem Arbeitgeber so, bei dem ich bisher angestellt war.
Wenn Belastung zur Zuschreibung wird
Diese dauerhafte Anspannung hat mich immer wieder an meine Grenzen gebracht. Ich bin mehrfach zusammengebrochen, innerlich und irgendwann auch äußerlich. Statt Verständnis zu erfahren, wurde ich oft als „nicht belastbar“ abgestempelt. Meine Erkrankung wurde nicht wirklich ernst genommen, sondern eher als persönliches Defizit betrachtet.
Unterforderung ist auch eine Form von Überforderung
Dabei habe ich früh kommuniziert, dass ich mehr Herausforderung brauche. Dass mein Nervensystem nicht für monotone, einfache Abläufe gemacht ist. Dass mich Unterforderung genauso krank macht wie Überforderung. Ich habe erklärt, dass ich Komplexität brauche, um stabil zu bleiben. Doch auch das wurde nicht gehört.
Alles selbst erlernen müssen
Förderung blieb aus. Unterstützung ebenso. Schulungen, Weiterbildungen oder echte Begleitung habe ich kaum erhalten, obwohl ich immer wieder danach gefragt habe. Mein gesamtes Fachwissen habe ich mir selbst angeeignet: durch Eigeninitiative, Nachfragen, Recherchieren, Ausprobieren. Nicht, weil ich das unbedingt wollte, sondern weil mir nichts angeboten wurde.
Wenn Offenheit gegen einen arbeitet
Besonders schmerzhaft waren Situationen, in denen Offenheit gegen mich verwendet wurde. Ich habe bei meinem letzten Arbeitgeber sehr transparent über meine Erkrankung gesprochen. In der Hoffnung auf Verständnis. Stattdessen habe ich Mobbing erlebt, nachdem ich intern die Abteilung gewechselt hatte. Ich wurde schikaniert und respektlos behandelt von einer Person, die über meine Erkrankung Bescheid wusste, weil ich offen mit ihr darüber gesprochen hatte.
Diese Erfahrungen haben etwas in mir zerbrochen. Als ich aus gesundheitlichen Gründen wieder in meine ursprüngliche Abteilung zurückgewechselt bin, wurde mir gesagt, ich hätte nicht genügend Kompetenzen, um gefördert zu werden. Gleichzeitig wurden andere Mitarbeitende unterstützt, die objektiv weniger Erfahrung hatten. Auch das hat tief gesessen.
Sichtbare Diagnose, unsichtbares Verhalten
Mit der Zeit hatte ich zunehmend das Gefühl, dass mir genau diese Offenheit zum Verhängnis wurde. Symptome, die zuvor nie als problematisch galten, wurden plötzlich kritisch betrachtet. Nicht, weil sie sich neu gezeigt hätten, sondern weil meine Erkrankung nun bekannt war.
Ich habe meine Emotionen im beruflichen Kontext größtenteils unter Kontrolle gehabt. Im Büro bin ich nie zusammengebrochen, geschweige denn ausgerastet. Nach außen hin war ich funktional, angepasst und professionell. Im Homeoffice hatte ich die Möglichkeit, mich kurz auszuklinken, wenn es mir nicht gut ging, ein Schutzmechanismus, der mir geholfen hat, arbeitsfähig zu bleiben.
Und trotzdem wurden plötzlich genau diese theoretischen Symptome zum Problem erklärt, auch im Büro, wo sie faktisch kaum oder gar nicht sichtbar waren. Es entstand der Eindruck, dass nicht mein tatsächliches Verhalten bewertet wurde, sondern ein Bild von mir, das auf meiner Diagnose beruhte. Die Qualität meiner Arbeit wurde gar nicht mehr berücksichtigt.

Wenn Vertrauen zerbricht
Hinzu kamen Gerüchte und Unwahrheiten. Menschen, die sich mir gegenüber als freundlich und verständnisvoll gegeben haben, haben hinter meinem Rücken Dinge erzählt, die nicht stimmten. Auch sie wussten, wie es mir zu dieser Zeit psychisch ging. Dieses Gefühl von Verrat und Ausgeliefertsein hat mein Vertrauen nachhaltig erschüttert.
Therapie ist kein Versagen
Nach mehreren Versuchen, über Tagesklinik und Krisenintervention wieder Stabilität zu finden, war ich 2024 schließlich für sechs Monate stationär in der Psychiatrie. Ein notwendiger Schritt, um überhaupt weiterleben zu können.
Versprechen, die nicht gehalten wurden
Nach meiner Rückkehr wurde mir zunächst signalisiert, dass man gemeinsam einen Weg zurück in den Arbeitsalltag finden wolle. Zwei Monate später erhielt ich die Kündigung. Ohne wirkliche Begründung. Erst im Nachhinein habe ich erfahren, dass meine vielen Fehltage bedingt durch Therapie- und Klinikaufenthalte, ausschlaggebend waren.
Was ich mir von der Arbeitswelt wünsche
Ich erzähle das nicht, um Schuldige zu suchen. Sondern um zu zeigen, wie wenig Platz psychische Erkrankungen in unserer Arbeitswelt noch immer haben.
Wie wenig Raum für Fehler, für Schwäche, für Menschlichkeit existiert. Und wie zerstörerisch das für Menschen sein kann, die ohnehin jeden Tag mehr leisten müssen als andere, nur um „normal“ zu wirken.
Psychisch krank zu sein heißt nicht, unfähig zu sein.
Es heißt auch nicht, unmotiviert oder faul zu sein.
Oft bedeutet es, besonders sensibel, reflektiert und leistungsbereit zu sein, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Doch genau diese Rahmenbedingungen fehlen viel zu oft.
Ich wünsche mir eine Arbeitswelt, in der Offenheit nicht bestraft wird. In der psychische Erkrankungen nicht gegen Menschen verwendet werden.
Und in der Förderung nicht davon abhängt, wie belastbar jemand wirkt, sondern wie viel Potenzial in ihm steckt.
Ich hoffe, ich konnte Euch mit diesem Beitrag einen ehrlichen Einblick geben, wie es sich anfühlen kann, mit psychischen Erkrankungen in der Arbeitswelt bestehen zu müssen und vielleicht auch ein Stück Verständnis schaffen. Für Euch selbst oder für andere.
Ich wünsche Euch einen schönen Tag, passt auf Euch auf ❤️




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