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BPS und gesellschaftliches Stigma – psychisch krank sein in dieser Welt

Hallo Ihr Lieben ❤️


Ich schreibe diesen Text nicht, um Mitleid zu bekommen. Ich schreibe ihn, um zu zeigen, wie es sich wirklich anfühlt, psychisch krank zu sein. Wie es ist, mit Borderline in einer Welt zu leben, die kaum Platz für innere Kämpfe hat. Wie es ist, immer wieder mit Stigma konfrontiert zu werden – und wie einsam dieser Weg oft ist.

Psychisch krank zu sein bedeutet nicht nur, mit starken Gefühlen, innerer Anspannung und wiederkehrenden Krisen zu leben. Es bedeutet auch, ständig zu spüren, dass man nicht so funktioniert, wie es von einem erwartet wird. Dass man nicht reinpasst. Dass man unbequem ist. Sei es auf der Arbeit oder im Privatleben.


Mit Borderline zu leben heißt für mich, alles intensiver zu fühlen: Freude, Nähe, Liebe – aber auch Schmerz, Angst und Verzweiflung. Ich bin außerdem ein sehr selbstkritischer und unsicherer Mensch, der viel Rückmeldung von außen braucht, um sich sicher zu fühlen und glauben zu können, gut zu sein und genug zu leisten. Mein Nervensystem reagiert schneller, stärker, ungefilterter. Und genau das wird mir oft zum Vorwurf gemacht.


Hinweis: Der Text behandelt psychische Erkrankung, schwierige Gefühle und Suizid. Lies nur weiter, wenn du dich emotional sicher fühlst.

Wenn Anderssein ständig bewertet wird

Sehr früh habe ich gelernt, dass meine Art zu fühlen nicht willkommen ist.

Dass ich „zu sensibel“ bin.

Dass ich „übertreibe“.

Dass ich mich „zu sehr reinsteigere“.


Und irgendwann kommen sie, diese Sätze, die angeblich helfen sollen:

„Du musst einfach positiver denken.“

„Geh doch mal raus, ein bisschen Sonne tut dir gut.“

„Reiß dich halt ein bisschen zusammen.“

„Anderen geht es viel schlechter als dir.“

Diese Sätze sind nicht harmlos. Sie tun weh.

Nicht, weil Bewegung oder frische Luft schlecht wären – sondern weil sie so tun, als wäre eine schwere psychische Erkrankung mit ein paar Gedanken erledigt. Als wäre mein Leiden eine Einstellungssache. Als würde ich mich entscheiden, krank zu sein. Ich kann nicht einfach positiv denken, wenn mein Inneres gerade zusammenbricht. Ich kann nicht spazieren gehen und damit meine Krankheit „wegmachen“. Und ich kann mich nicht zusammenreißen, wenn mein Nervensystem im Ausnahmezustand ist.

Solche Aussagen machen nicht stark – sie machen klein. Sie vermitteln: Dein Schmerz ist übertrieben. Dein Leiden ist nicht berechtigt.


Einsamkeit, die leise entsteht

Einsamkeit kommt selten plötzlich. Sie wächst langsam. Nachrichten werden weniger. Antworten kürzer. Einladungen bleiben aus. Nicht, weil man böse ist. Sondern weil man nicht mehr „leicht“ ist. Nicht mehr unkompliziert. Weil man nicht mehr nur zuhört, sondern selbst kämpft.

Es ist unfassbar schmerzhaft zu merken, dass Menschen sich abwenden, wenn es einem schlecht geht. Dass Interesse oft an Bedingungen geknüpft ist. Dass Nähe nur bleibt, solange man funktioniert.

Und manchmal – und das tut besonders weh – passiert genau das sogar in Beziehungen.


Wenn selbst Nähe keinen Schutz bietet

Auch in meiner Beziehung ist mein Kranksein nicht immer willkommen. Nicht immer verstanden. Manchmal wird es kleingeredet, manchmal degradiert.

Dann fallen Sätze wie:

„Du bist halt so Borderline.“

„Jetzt heulst du wieder.“

Oder ich werde ignoriert, wenn es mir emotional richtig schlecht geht. Nicht ernst genommen. Abgetan, weil ich ja „übertreibe“, weil ich angeblich alles nur schwarz-weiß sehe.


Manchmal werde ich auch verurteilt, wenn ich mich selbst verletze oder konsumiere.

Dann höre ich Dinge wie:

„Immer wenn wir streiten, muss ich Angst haben, dass du dir etwas antust.“

Doch Selbstverletzung ist keine Drohung. Sie richtet sich nicht gegen den anderen. Sie ist kein Versuch, Schuld zu machen oder Angst auszulösen.

Sie ist Selbstbestrafung. Ein Umgang mit innerem Schmerz, wenn Worte fehlen und alles zu viel wird.

Für dieses Verhalten dann auch noch verurteilt zu werden, macht alles noch schlimmer. Es verstärkt Scham, Schuld und das Gefühl, selbst mit den dunkelsten Momenten nicht willkommen zu sein.


Das ist keine Anklage und keine Schuldzuweisung.

Selbst dort, wo Liebe ist, fehlt oft der Raum für psychische Krankheit. Verständnis ist selbst dort nicht selbstverständlich.

Und das macht unfassbar einsam.


Weinende Frau die an einer Wand sitzt mit traurigem Blick

Ein Satz aus meiner Jugend, den ich nie vergessen habe

Als ich etwa 17 oder 18 war, ging es mir schon lange sehr schlecht. Eigentlich begann es viel früher – mit ungefähr 15 fing es an schlimm zu werden. Kurz vor meiner Lehrabschlussprüfung war ich nach einem Suizidversuch in der Psychiatrie und später längere Zeit in einer Klinik zur Therapie.

Damals hatte ich eine beste Freundin. Ich habe oft mit ihr über meine dunklen Gedanken gesprochen. Über diese innere Hoffnungslosigkeit, über das Gefühl, nicht mehr zu können.

Irgendwann sagte sie zu mir einen Satz, der sich bis heute eingebrannt hat:

„Wenn du dich wirklich umbringen wolltest, würdest du es tun. Dann würdest du nicht immer nur davon reden.“

Dieser Satz hat mich zum Schweigen gebracht. Nicht, weil es mir besser ging – sondern weil ich gelernt habe, dass selbst ehrliche Hilferufe angezweifelt werden. Dass meine Worte nicht ernst genommen werden.

Einige Zeit später kam es zu meinem zweiten Versuch...


Ein Mythos, der lebensgefährlich ist

Man hört ihn oft: „Wer nur darüber redet, macht es eh nicht.“

Das ist nicht nur falsch. Es ist gefährlich!

Reden ist oft kein Spiel und keine Aufmerksamkeitssuche. Reden ist manchmal der letzte Versuch, gehört zu werden. Der letzte Faden, an dem man sich festhält, weil es noch einen Teil in einem gibt, der leben will.


Ich weiß das nicht nur theoretisch.

Ich hatte mehr als einen Versuch. Und auch 2024 und 2025 war ich nicht weit davon entfernt, es wieder zu versuchen.

Nicht, weil ich „es nicht ernst meinte“.

Sondern weil innere Kämpfe nicht linear sind. Weil Hoffnung und Verzweiflung oft gleichzeitig existieren. Und weil Worte manchmal der einzige Weg sind, den Schmerz nach außen zu lassen, bevor er einen von innen auffrisst.


Was solche Sätze anrichten

Wenn jemand sagt: Dann tu es doch, wenn du es wirklich willst.“

dann ist das keine Ehrlichkeit. Es ist Abwertung. Es ist Überforderung, die als Härte getarnt ist.

Solche Sätze vermitteln: Dein Leid ist nicht glaubwürdig. Deine Worte sind nicht ernst zu nehmen. Du bist zu viel.

Und genau das macht Menschen noch einsamer. Noch stiller. Noch gefährdeter.


Die Mythen, die zusätzlich verletzen

  • „Borderliner sind manipulativ.“

    Oft ist es Verzweiflung. Angst vor dem Alleinsein. Der Wunsch, nicht wieder verlassen zu werden.

  • „Borderliner sind impulsiv und unberechenbar.“

    Was kaum jemand sieht: wie viel Kontrolle, Reflexion und innere Arbeit dahintersteckt.

  • „Borderliner katastrophisieren immer alles.“

    Nein. Gefühle sind nicht falsch – sie sind intensiver. Angst fühlt sich existenziell an. Schmerz fühlt sich endgültig an.

  • „Borderliner verletzen sich selbst.“

    Manche tun das. Nicht aus Provokation, sondern weil der innere Schmerz sonst nicht mehr auszuhalten ist. Und nicht alle Borderliner tun das.


Und dann dieser eine Satz über Trauma

Und dann gibt es diesen Satz. Einen, der sich nicht wie Trost anfühlt, sondern wie ein Schlag.

„Dein Trauma hat dich doch stärker gemacht.“

„Bist du nicht auch ein bisschen froh über deine Erfahrungen?“

Ganz klar Nein! Ich bin nicht froh darüber! Ich bin müde davon!

Trauma hat mich nicht stark gemacht. Es hat mich misstrauisch gemacht. Ängstlich. Wachsam. Es hat mir Nächte genommen, Sicherheit genommen, Vertrauen genommen. Es hat mein Nervensystem geprägt, meine Beziehungen verformt und mein Selbstbild beschädigt.

Dass ich heute noch hier bin, heißt nicht, dass es sich gelohnt hat. Dass ich kämpfe, reflektiere und heile, heißt nicht, dass dieses Leid nötig war.

Niemand würde zu jemandem mit einer körperlichen Krankheit sagen:

„Sei doch froh, dass du das erlebt hast – es hat dich geformt.“

Warum also bei psychischem Leid?

Weil seelischer Schmerz leichter kleinzureden ist, wenn man ihn romantisiert!


Solche Sätze relativieren Schmerz. Sie verschieben Verantwortung. Sie tun so, als müsste man dankbar sein für etwas, das einen zerbrochen hat. Und sie lassen einen erneut allein zurück – mit dem Gefühl, dass selbst das eigene Leid noch „verwertet“ werden soll.

Aber ich wollte nichts daraus machen. Ich wollte einfach nur nicht verletzt werden.


Und trotzdem: Wir sind noch da

Trotz Abwertung, trotz Einsamkeit, trotz all dieser Sätze sind wir noch hier.

Wir kämpfen.

Wir reflektieren.

Wir arbeiten an uns – oft mehr, als es irgendjemand sieht.

Wir sind nicht kaputt.

Wir sind nicht faul.

Wir sind nicht undankbar oder negativ.

Wir sind Menschen mit einer psychischen Erkrankung – nicht mit einem schlechten Charakter.

Psychisch krank zu sein in dieser Welt ist hart. Oft einsam. Oft unfair.

Aber unser Erleben ist real. Unser Schmerz ist real. Und wir verdienen Mitgefühl, Respekt und echte Nähe – nicht nur dann, wenn wir funktionieren.

Wenn du das hier liest und dich wiederkennst: Du bist nicht allein. ❤️


Ich hoffe, ich konnte euch einen Einblick geben, wie es ist, in dieser Gesellschaft mit einer psychischen Krankheit zu leben. Vielleicht nehmt ihr etwas davon mit – ein Stück Verständnis, ein bisschen Nachdenklichkeit oder einfach die Erinnerung, dass jeder von uns seinen eigenen Kampf trägt.

Passt gut auf euch auf und habt einen schönen Tag. ❤️

2 Kommentare

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Gast
06. Jan.

Gut geschrieben

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Vielen Dank ❤️

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