
Borderline erleben - Ein tiefer Einblick
- Stefanie Garmatter
- 17. Mai
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 18. Mai
Hallo ihr Lieben ❤️
Borderline ist nichts, das man einfach nur „hat“. Es ist etwas, das man jeden Tag erlebt, in Gedanken, im Körper, in Beziehungen und in Momenten, die für andere vielleicht klein wirken, sich innerlich aber riesig anfühlen. Und genau darüber möchte ich heute schreiben. Nicht nur darüber, was Borderline ist, sondern wie es sich anfühlt, damit zu leben. Das echte Erleben, die Gedanken und die Herausforderungen, die jeder Tag mit sich bringt. Borderline zu verstehen, ist für mich wie eine Reise in eine Welt voller intensiver Gefühle, die oft schwer zu fassen sind. Ich möchte euch einen Blick hinter die Fassade zeigen.
Borderline erleben - Was bedeutet das eigentlich?
Borderline ist für mich mehr als nur ein Begriff oder eine Diagnose. Es ist ein Zustand, der das Leben auf den Kopf stellen kann. Es ist mein Alltag. Es ist dieses Gefühl, nie wirklich in der Mitte zu sein, sondern immer irgendwo ganz oben oder ganz unten. Für mich fühlt es sich oft an, als würde ich auf einer emotionalen Achterbahn sitzen, die keine Pause kennt. Die Gefühle sind so stark, dass sie mich manchmal überwältigen. Freude, Wut, Angst, Scham und Traurigkeit wechseln sich schnell ab, und ich weiß nie genau, was als Nächstes kommt.
Diese Intensität macht vieles schwierig. Nicht das Gefühl an sich, sondern die Geschwindigkeit und die Wucht, mit der es auftaucht. Es bleibt kaum Zeit, es einzuordnen oder bewusst damit umzugehen. Ein Beispiel ist, Beziehungen zu anderen Menschen zu führen. Nähe kann sich wunderbar anfühlen, aber auch schnell bedrohlich werden. Ich habe oft Angst, verlassen zu werden, und reagiere dann manchmal impulsiv oder ziehe mich zurück. Das ist nicht einfach zu erklären, aber es ist ein Teil von Borderline, den ich jeden Tag spüre.
Manchmal frage ich mich, wie andere Menschen das schaffen, ohne so viel Chaos in sich zu tragen. Doch ich habe gelernt, dass es Wege gibt, mit diesen Gefühlen umzugehen und das Leben trotzdem zu genießen. Es braucht Zeit, Geduld und vor allem Verständnis, von mir selbst und von anderen.
Wie fühlt sich Borderline an?
Vielleicht hast du dich schon einmal gefragt, wie fühlt sich Borderline eigentlich wirklich an? Für mich ist es ein ständiges Auf und Ab, das kaum zu kontrollieren ist. Es ist, als ob meine Emotionen ein Eigenleben führen und ich nur selten die Kontrolle darüber habe. Wenn ich versuche, das zu beschreiben, dann fühlt es sich an, als hätte mein Inneres keinen Lautstärkeregler. Alles ist sofort auf Maximum. Ein Gedanke, ein Blick oder eine kleine Veränderung im Verhalten eines anderen Menschen kann reichen, und plötzlich ist da ein Gefühl, das alles übernimmt. Ein Moment kann voller Hoffnung und Liebe sein, der nächste von tiefer Verzweiflung geprägt.
Diese Gefühle sind nicht nur stark, sondern auch sehr schnelllebig. Manchmal fühle ich mich leer und verloren, dann wieder überflutet von einer Welle aus Angst oder Wut. Das macht es schwer, klare Entscheidungen zu treffen oder langfristige Pläne zu machen.
In solchen Momenten verliere ich nicht die Kontrolle, weil ich es will, sondern weil zwischen Gefühl und Reaktion kaum noch Raum ist. Und genau dieser fehlende Raum ist oft das, was so viel kaputt macht, weil Handlungen direkt aus der Emotion heraus entstehen. Es ist, als würde ich ständig gegen mich selbst kämpfen.
Doch trotz all dieser Herausforderungen gibt es auch Momente, in denen ich mich lebendig und verbunden fühle. Diese Augenblicke sind kostbar und geben mir Kraft, weiterzumachen. Sie zeigen mir, dass Borderline nicht nur eine Last ist, sondern auch eine besondere Intensität des Lebens.

Wie stark fühlen Borderliner?
Die Frage, wie stark Borderliner fühlen, ist für mich zentral. Die Antwort ist: sehr stark.
Man sagt oft, dass Menschen mit Borderline Gefühle etwa neun bis zehnmal stärker erleben. Ob man das genau so messen kann, weiss ich nicht, aber es beschreibt ziemlich gut, wie es sich für mich anfühlt. Es ist nicht einfach nur „mehr fühlen“, es ist ein anderes Fühlen. Meine Gefühle sind nicht nur intensiv, sie sind oft auch überwältigend. Das bedeutet, dass ich Situationen viel tiefer erlebe als andere Menschen. Ein kleiner Streit kann sich anfühlen wie eine Katastrophe, ein unsicherer Moment wie totale Verlassenheit. Gleichzeitig können schöne Momente so intensiv sein, dass sie fast schon wieder kippen. Das hat nichts mit Übertreibung zu tun, sondern mit einem Nervensystem, das sehr schnell und sehr stark reagiert.
Diese starke Gefühlswelt kann sowohl ein Geschenk als auch eine Herausforderung sein. Sie macht uns sensibel für die Welt um uns herum, aber auch verletzlich. Manchmal fühle ich mich, als würde ich in einem Sturm aus Emotionen stehen, der mich hin und her wirft. Das ist anstrengend und erschöpfend.
Doch diese Intensität bedeutet auch, dass ich oft sehr empathisch bin und die Gefühle anderer Menschen tief nachempfinden kann. Das kann helfen, Beziehungen aufzubauen, wenn ich lerne, mit meinen eigenen Gefühlen umzugehen. Es ist ein Balanceakt, der viel Übung braucht.
Umgang mit Beziehungen und Nähe
Einer der schwierigsten Bereiche für mich sind Beziehungen. Genau dort, wo Nähe entsteht, wird auch alles intensiver. Ich wünsche mir Nähe, Verbindung und Sicherheit, und gleichzeitig ist genau dort oft die grösste Angst. Die Angst, verletzt zu werden, zu viel zu sein oder irgendwann wieder verlassen zu werden.
Dieses gleichzeitige Bedürfnis nach Nähe und die Angst davor, sorgen innerlich für einen ständigen Konflikt. Und dieser Konflikt zeigt sich auch im Verhalten. Manchmal ziehe ich mich zurück, obwohl ich mir eigentlich Nähe wünsche. Manchmal halte ich zu fest, aus Angst, dass etwas verloren geht. Und manchmal reagiere ich stärker, als es die Situation von aussen betrachtet erklären würde. Nicht, weil ich bewusst Drama machen will, sondern weil mein Inneres in diesen Momenten überfordert ist. Das kann zu Missverständnissen und Konflikten führen.
Was ich mit der Zeit gelernt habe, ist, dass es helfen kann, darüber zu sprechen. Nicht perfekt und nicht immer ruhig, aber ehrlich. Zu sagen, was gerade in mir passiert, auch wenn es sich unangenehm anfühlt oder die Angst da ist, nicht verstanden zu werden. Gleichzeitig sind Grenzen wichtig geworden. Nicht als Distanz, sondern als Schutz, für mich und für die andere Person.
Beziehungen brauchen Zeit. Vertrauen entsteht nicht auf Knopfdruck, sondern wächst langsam, oft auch mit Rückschritten und Unsicherheiten. Und ich musste lernen, dass nicht jede Unsicherheit bedeutet, dass gleich alles auseinanderbricht. Und dass ich mit diesen Gefühlen nicht alleine bin.
Aber Beziehungen sind und bleiben für mich einfach ein schwieriges Thema.
Die andere Seite - emotionale Leere
Neben all diesen intensiven Gefühlen gibt es auch das komplette Gegenteil. Und das wird oft unterschätzt. Denn es ist nicht einfach nur „weniger fühlen“, sondern manchmal fühlt es sich an, als wäre innen einfach alles abgeschaltet.
Es ist nicht ruhig im Sinne von entspannt. Es ist eher still im Sinne von leer. Als würde alles, was mich sonst ausmacht, plötzlich nicht mehr erreichbar sein. Dinge, die mir eigentlich wichtig sind, berühren mich nicht mehr. Menschen, die ich liebe, fühlen sich auf einmal weit weg an, obwohl sie direkt vor mir stehen.
Diese Leere hat für mich etwas unglaublich Verunsicherndes. Weil ich mich selbst darin oft nicht mehr erkenne. Wenn da keine klare Emotion ist, an der ich mich orientieren kann, fühlt sich alles irgendwie bedeutungslos an. Entscheidungen fallen schwer, Motivation ist kaum vorhanden und selbst Dinge, die mir sonst gut tun, erreichen mich in diesen Momenten nicht.
Und was es zusätzlich schwierig macht, ist, dass diese Leere von aussen oft gar nicht sichtbar ist. Während starke Emotionen auffallen, laut und irgendwie greifbar sind, passiert die Leere im Stillen. Sie zieht sich durch den Alltag, macht alles schwerer und gleichzeitig schwer erklärbar.
Ganz ehrlich, ich empfinde diese Zustände teilweise als belastender als die intensiven Gefühle. Bei starken Emotionen ist wenigstens etwas da, auch wenn es zu viel ist. In der Leere ist einfach… nichts. Keine Freude, keine Wut, keine Traurigkeit, nur dieses dumpfe Gefühl von Leere. Und genau dieses Nichts kann sich unglaublich schwer aushalten lassen.
Und trotzdem gehört auch das zu meinem Erleben dazu. Dieses Wechseln zwischen „zu viel“ und „gar nichts“ ist etwas, das für mich lange keinen Sinn ergeben hat. Heute verstehe ich zumindest ein Stück weit, dass auch diese Leere eine Form von Schutz sein kann. Aber nur, weil ich es verstehe, wird es nicht automatisch leichter.
Brunhilde, wenn die Gedanken gegen mich arbeiten
Manchmal sind es nicht einmal die Gefühle selbst, die am meisten wehtun, sondern das, was danach in meinem Kopf passiert.
Ich habe für diesen Teil in mir einen Namen, Brunhilde.
Sie ist keine leise Stimme im Hintergrund. Sie ist klar, direkt und oft ziemlich brutal. Während Emotionen kommen und gehen, bleibt sie manchmal einfach da und legt immer wieder nach.
Gerade in Momenten, in denen ich sowieso schon unsicher bin oder innerlich wackle, wird sie besonders laut. Dann kommen Gedanken wie, dass ich zu viel bin, dass ich alles falsch mache oder dass sich sowieso nichts ändern wird. Und das Gefährliche daran ist, dass sich das in diesen Momenten nicht wie „nur Gedanken“ anfühlt, sondern wie die absolute Wahrheit.
Ich merke dann oft gar nicht sofort, dass da gerade Brunhilde spricht. Es fühlt sich einfach an wie Realität. Erst mit etwas Abstand wird mir klar, wie stark diese Stimme mein Erleben verzerrt.
Was ich mit der Zeit verstanden habe, ist, dass Brunhilde nicht einfach zufällig auftaucht. Sie wird besonders laut, wenn ich innerlich unter Druck stehe, wenn ich Angst habe oder wenn ich mich selbst nicht mehr richtig spüre. Genau dann, wenn ich eigentlich Unterstützung bräuchte, greift sie mich an.
Und auch wenn ich sie heute besser erkenne, ist sie nicht einfach weg. Aber es macht einen Unterschied, ob ich ihr alles glaube oder ob ich es schaffe, einen kleinen Abstand zu halten. Nicht immer, aber manchmal. Und genau diese kleinen Momente verändern langfristig mehr, als man denkt.
Umgang mit Borderline im Alltag
So anstrengend das alles ist, habe ich mit der Zeit gelernt, dass ich dem nicht komplett ausgeliefert bin. Es fühlt sich oft so an, aber es stimmt nicht ganz. Es gibt Momente, in denen ich es schaffe, einen kleinen Abstand zu schaffen, nicht sofort zu reagieren und nicht direkt in das Gefühl hineinzurutschen.
Und genau da setzen Skills an. Nicht um Gefühle wegzumachen, sondern um diesen einen kleinen Raum zu schaffen, zwischen dem, was ich fühle, und dem, was ich tue. Und dieser Raum kann langfristig einen grossen Unterschied machen, auch wenn es sich im Moment oft nicht so anfühlt.
Ein ehrlicher Einblick
Borderline ist laut, anstrengend und oft chaotisch. Aber es ist nicht nur das. Es ist auch Tiefe, Empathie und die Fähigkeit, Dinge unglaublich intensiv zu erleben. Auch wenn Borderline oft wie ein schwerer Schatten wirkt, gibt es immer Hoffnung. Jeder kleine Schritt, den ich mache, ist ein Erfolg.
Ich bin noch lange nicht an einem Punkt, an dem alles einfach ist. Aber ich verstehe mich heute besser als früher. Und genau das ist für mich ein wichtiger Schritt.
Ich habe gelernt, dass es okay ist, Hilfe anzunehmen und nicht alles alleine schaffen zu müssen. Es gibt Menschen und Angebote, die mich unterstützen können. Und vor allem: Ich bin mehr als meine Diagnose. Ich bin ein Mensch mit Stärken, Träumen und einer einzigartigen Geschichte.
Ich hoffe, ich konnte euch einen ehrlichen Einblick geben, wie sich Borderline für mich anfühlt und was im Inneren oft passiert.
Passt auf euch auf und habt einen schönen Tag. ❤️




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