
Rückfälle passieren selten plötzlich – was lange davor geschieht
- Stefanie Garmatter
- 1. Juli
- 8 Min. Lesezeit
Triggerwarnung: In diesem Beitrag spreche ich offen über Selbstverletzung, Alkoholmissbrauch, Gedanken an das Nicht-Existieren und eine sehr schwere Phase meines Lebens. Bitte achtet gut auf euch und lest nur weiter, wenn ihr euch damit im Moment sicher fühlt.
Hallo Ihr Lieben ❤️
Letzte Woche hatte ich zwei Rückfälle. Einen mit Selbstverletzung und einen mit Alkohol.
Allein das aufzuschreiben, fällt mir schwer. Denn da ist sofort diese Scham. Dieses Gefühl, versagt zu haben. Das Gefühl, wieder alles kaputt gemacht zu haben.
Rückfälle werden oft so dargestellt, als würden sie plötzlich passieren. Als würde jemand morgens aufstehen und sich einfach dazu entscheiden, wieder zu trinken. Oder sich wieder selbst zu verletzen. Aber so erlebe ich Rückfälle nicht. Denn meine Rückfälle haben nicht letzte Woche begonnen. Sie haben schon lange vorher begonnen.
Ich habe erst vor Kurzem einen Beitrag darüber geschrieben, wie laut Brunhilde gerade wieder geworden ist. Wie anstrengend es ist, jeden Tag gegen sie anzukämpfen. Wie oft sie mir aktuell Alkohol, Kiffen, Selbstverletzung und sogar das Nicht-Existieren als Lösung verkaufen möchte.
Ich wusste das alles. Ich habe die Warnzeichen gesehen. Ich wusste, dass der Suchtdruck wieder da ist. Ich wusste, dass die Gedanken an Selbstverletzung wieder häufiger werden. Ich wusste, dass das Binge Eating wieder völlig ausser Kontrolle gerät. Ich wusste, dass ich gerade viel zu viel trage.
Und trotzdem habe ich weitergemacht. Weil das Leben nicht einfach Pause macht, nur weil es einem schlecht geht.
Wenn immer mehr dazukommt
Die letzten Wochen waren einfach unglaublich viel.
Der Umzug, die Sorgen um Blue, die Finanzen, die Angst vor dem Betreibungsamt, die ständige Frage, wie das alles funktionieren soll. Und gleichzeitig das Gefühl, dass ich immer weniger Kraft habe, all das zu tragen.
Dazu kamen immer mehr Spannungen in meiner Beziehung. Missverständnisse, Streit, das Gefühl, nicht verstanden und nicht ernst genommen zu werden. Das Gefühl, dass meine Sorgen zu gross sind, meine Ängste zu viel sind und meine Gefühle irgendwie falsch sind. Und irgendwann passiert etwas in mir.
Ich höre nicht mehr nur: «Du machst dir zu viele Sorgen.» Ich höre: «Du bist das Problem.»
Ich höre nicht mehr nur: «Du bist gerade schwierig.» Ich höre: «Du bist eine Belastung.»
Und genau dieses Gefühl wurde in den letzten Wochen immer grösser. Dass ich so, wie ich bin, einfach falsch bin. Zu emotional. Zu traurig. Zu empfindlich. Zu kompliziert. Nicht gut genug.
Und irgendwann glaube ich das selbst.
Wenn selbst das Leben gleichgültig wird
In den letzten Wochen hat sich noch etwas anderes eingeschlichen. Eine gewisse Gleichgültigkeit.
Nicht dem Leben allgemein gegenüber. Sondern meinem eigenen Leben gegenüber.
Ich empfinde schon länger kaum noch richtige Freude. Ich lache zwar noch. Ich funktioniere noch. Ich mache noch Dinge. Aber dieses echte Gefühl von Freude, Vorfreude oder Lebendigkeit fehlt oft.
Und immer öfter denke ich, dass es mir gar nichts ausmachen würde, wenn ich einfach nicht mehr aufwachen würde oder mir etwas Schlimmes passieren würde.
Nicht, weil ich aktiv sterben möchte oder ich konkrete Pläne habe. Sondern weil ich einfach müde bin.
Müde vom Kämpfen, vom permanenten Stress und von den Sorgen. Müde davon, immer wieder das Gefühl zu haben, falsch zu sein. Müde davon, mich erklären zu müssen und mich nicht verstanden zu fühlen.
Müde davon, ständig zu versuchen, irgendetwas zu retten und am Ende trotzdem das Gefühl zu haben, alles falsch gemacht zu haben.
Und ich schäme mich dafür. Ich schäme mich dafür, dass ich mich nicht mehr richtig freuen kann. Ich schäme mich dafür, dass ich mich oft wie eine Belastung fühle. Ich schäme mich dafür, dass ich manchmal denke, andere wären ohne mich vielleicht besser dran. Ich fühle mich schuldig, dass ich so fühle und denke.
Und gleichzeitig kann ich es einfach nicht ändern. Ich fühle es einfach so.

Als ich nicht mehr konnte
Wenn ich zurückschaue, merke ich, dass ich schon seit einigen Monaten versuche, irgendwie über Wasser zu bleiben. Mal durch Kontrolle, mal durch Funktionieren und zuletzt einfach nur noch durch Aushalten.
In dieser Zeit gab es auch Spannungen in meiner Beziehung. Dinge, die mich verletzt haben. Dinge, die in mir alte Gefühle berührt haben. Das Gefühl, nicht verstanden zu werden, nicht ernst genommen zu werden und mit meinen Sorgen alleine zu sein. Und vor allem dieses Gefühl, dass ich eine Belastung bin.
Dass ich falsch bin. Dass ich zu viel bin, nicht gut genug, nicht verständnisvoll genug und nicht dankbar genug bin. Einfach nicht genug.
Ich möchte damit niemandem die Schuld geben. Es gab nicht diesen einen Streit und nicht diesen einen Auslöser. Es waren viele Dinge, die sich über Wochen und Monate in mir angestaut hatten.
Und dann hatten wir letzte Woche eines Abends Streit. Eigentlich ging es dabei nicht einmal nur um das Thema selbst. Es war vielmehr das, was dieser Streit in mir ausgelöst hat.
Plötzlich wurden all die Gefühle, die ich die letzten Wochen ohnehin schon mit mir herumgetragen hatte, wieder unglaublich laut. Das Gefühl, zu viel zu sein. Das Gefühl, mit meinen Sorgen alleine zu sein. Das Gefühl, nicht verstanden zu werden. Das Gefühl, dass meine Gefühle und Ängste keinen Platz haben. Das Gefühl, immer das falsche zu sagen. Das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Das Gefühl, eine Belastung zu sein.
Und als mir in diesem Streit Dinge an den Kopf geworfen wurden, die genau diese Ängste getroffen haben, ist in mir etwas zusammengebrochen. Ich fühlte mich plötzlich, als hätte ich keinen Platz mehr. Als wäre ich falsch. Als wäre ich einfach nur noch eine Belastung. Als wäre ich nicht mehr wichtig.
Ich bin dann erst einmal aus der Wohnung gegangen. Später lag ich in einem anderen Zimmer auf der Couch und weinte. Ich weinte fast die ganze Nacht immer wieder und am Tag darauf auch. Es war dieses leise, erschöpfte Weinen. Tränen, die einfach laufen, weil man innerlich nicht mehr weiss, wohin mit all dem Schmerz. Und irgendwann war da nur noch dieses Gefühl: Ich bin überflüssig und so unfassbar leer. Und ich kann gerade einfach nicht mehr kämpfen.
Der Rückfall mit der Selbstverletzung
Am nächsten Morgen machte ich mein Handy aus, nachdem Kim zur Arbeit gegangen war. Ich wollte nichts lesen, mit niemandem reden oder schreiben. Ich wollte einfach nur meine Ruhe. Ich wollte einfach nur, dass alles für einen Moment aufhört. Erst war ich noch kurz mit Blue draussen und legte mich danach nochmals hin, weil ich so erschöpft war. Und dann kam der Rückfall. Und ich verletzte mich.
Ich wünschte, ich könnte sagen, dass es mir danach besser ging. Aber das war nicht so. Da war es vielleicht für einen kurzen Moment etwas besser. Eine Entladung, ein Ventil. Und gleichzeitig war da sofort die Scham und die Schuld. Ich habe mich dafür gehasst. Und trotzdem fühlte ich mich auch irgendwie bestätigt. Es fühlte sich auch richtig an. Als würde mein äusserer Schmerz endlich zeigen, wie schlecht es mir innerlich wirklich geht. Das Blut auf meinem Arm zu sehen, gab mir das Gefühl, noch irgendwie zu existieren. Gespürt hab ich den Schmerz nicht. Aber ich konnte ihn sehen.
Doch dann passierte etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. Weil mein Handy ausgeschaltet war und ich nicht auf Nachrichten oder Anrufe reagierte, machte sich Kim solche Sorgen, dass er dachte, ich hätte mir ernsthaft etwas angetan. Er kam mittags nach Hause, um nach mir zu sehen. Und als er sah, dass ich noch da bin und es mir körperlich gut geht, fing er an zu weinen.
In diesem Moment bekam ich ein noch schlechteres Gewissen. Ich fühlte mich noch falscher, noch schuldiger, noch mehr wie eine Belastung. Ich umarmte ihn und entschuldigte mich bei ihm dafür, dass ich mein Handy ausgemacht hatte. Da sass ich dann, voller Scham wegen der Selbstverletzung, und gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass ich nun auch noch jemandem, den ich liebe, Angst gemacht und wehgetan habe.
Am nächsten Tag kamen dann noch eine Freundin und ihr Partner vorbei. Und plötzlich begann dieses ständige Aufpassen. Wie halte ich meinen Arm? Sieht man etwas? Ich muss irgendwie unauffällig die Stelle mit meiner Hand abdecken oder den Arm verstecken. Bei fast 30 Grad in der Wohnung konnte ich schlecht einen Pullover anziehen. Also hoffte ich einfach, dass niemand genauer hinsieht.
Der Rückfall war vorbei. Aber die Scham blieb. Und das Verstecken begann.
Der Rückfall mit Alkohol
Dann hatte ich am selben Tag noch Post vom Betreibungsamt. Und ich hatte das Gefühl, dass mir endgültig der Boden unter den Füssen weggezogen wird. Wieder Angst. Wieder Überforderung. Wieder dieses Gefühl, dass ich das alles nicht schaffe. Und als wäre das nicht schon genug gewesen, lag der Rückfall mit der Selbstverletzung erst einen Tag zurück.
Ich möchte an dieser Stelle noch etwas klarstellen. Ich bin nicht alkoholabhängig und war es auch nie. Ich habe nie täglich getrunken und mein Körper war nie auf Alkohol angewiesen. Alkohol war für mich aber immer wieder eine schädliche Strategie, um mit meinen Gefühlen umzugehen. Um Gedanken auszuschalten. Um für einen Moment nichts mehr spüren zu müssen. Alkohol war für mich nie Genuss. Alkohol war für mich immer Flucht. Und er führt bei mir fast immer zu sehr dunklen Gedanken, die ich kaum kontrollieren kann.
Ich griff zur Flasche. Ich trank den restlichen Vodka, den ich noch zuhause hatte und später noch Limoncello. Ich war dadurch ziemlich betrunken, da ich mir das trinken nicht gewohnt bin und den Alkohol auch nicht gut vertrage. Und mit dem Alkohol wurden die Gedanken noch dunkler. Noch hoffnungsloser. Noch gleichgültiger. So sehr, dass ich mitten in der Nacht meiner Therapeutin eine emotionale, hoffnungslose Mail schrieb, an die ich mich am nächsten Morgen nur noch vage erinnern konnte. Am nächsten Morgen waren meine Probleme immer noch da. Die Sorgen und die Angst waren noch da. Der Umzugsstress war noch da. Die Angst vor den finanziellen Problemen war noch da und es kamen neue Dinge dazu.
Übelkeit, Scham, Selbsthass, Kopfschmerzen, Kreislaufprobleme und dieses Gefühl, sich selbst enttäuscht zu haben.
Rückfälle passieren selten plötzlich
Ich schreibe diesen Beitrag nicht, weil ich stolz auf meine Rückfälle bin. Ganz im Gegenteil. Ich schäme mich dafür. Aber ich schreibe ihn, weil wir oft nur die Handlung sehen. Die Selbstverletzung, den Alkohol, den Rückfall eben.
Aber wir sehen viel zu selten alles, was davor passiert ist. Die Wochen voller Anspannung, die schlaflosen Nächte, die Sorgen und die Erschöpfung. Das Gefühl, alles alleine tragen zu müssen und das Gefühl, eine Belastung zu sein. Die ganze Hoffnungslosigkeit, die plötzlich in einem steckt. Die Kraft und die Selbstmotivation, die langsam schwinden, weiter stark zu bleiben, weil man den Sinn dahinter nicht mehr sieht. Dieses langsame müde Werden vom Leben selbst.
Und oft fehlt genau dafür das Verständnis. Für den Schmerz, der hinter einem Rückfall steckt. Für die Wochen oder Monate des Kämpfens, die ihm vorausgegangen sind.
Stattdessen bekommen Menschen nach einem Rückfall oft Vorwürfe, werden verurteilt oder das Ganze wird einfach totgeschwiegen. Man hört, dass man alles kaputt gemacht hat, dass man wieder von vorne anfangen muss oder dass man sich einfach mehr zusammenreissen sollte. Oder man hört vor allem, wie sehr man anderen damit wehgetan hat.
Und ja, ein Rückfall kann andere Menschen verletzen, ihnen Angst machen oder sie hilflos zurücklassen.
Aber viel zu selten fragt jemand, wie gross der Schmerz gewesen sein muss, damit es überhaupt zu diesem Rückfall gekommen ist.
Viel zu selten fragt jemand:
Wie geht es dir eigentlich?
Was ist passiert?
Wie lange kämpfst du schon damit?
Was hätte dir in diesem Moment geholfen?
Rückfälle passieren selten plötzlich. Sie beginnen oft viel früher, als andere sie sehen können. Und manchmal sind sie kein Zeichen dafür, dass jemand aufgegeben hat. Sondern ein Zeichen dafür, dass jemand schon viel zu lange versucht hat, stark zu sein.
Ich hoffe, ich konnte euch mit diesem Beitrag einen ehrlichen Einblick geben, wie sich Rückfälle für mich anfühlen und was oft lange davor in einem Menschen passiert. Denn manchmal sieht man nur den Rückfall selbst und nicht den langen Weg aus Schmerz, Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit, der dorthin geführt hat. Und vielleicht fragen wir deshalb das nächste Mal nicht nur, was passiert ist, sondern auch, wie es überhaupt so weit kommen konnte.
Passt gut auf euch auf und ich wünsche euch einen schönen Tag ❤️




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