
Aussen stabil und maskiert funktionieren – aber innerlich zerbrechen, wenn niemand merkt, wie es dunkler wird
- Stefanie Garmatter
- 1. März
- 7 Min. Lesezeit
Triggerwarnung:
Dieser Beitrag enthält Themen wie Essverhalten, Selbstverletzungsimpulse und suizidale Gedanken. Wenn euch das gerade stark belastet, lest bitte nur weiter, wenn ihr euch stabil fühlt.
Hallo ihr Lieben ❤️
Seit ein paar Wochen verändert sich etwas in mir.
Es war kein plötzlicher Absturz. Kein dramatischer Zusammenbruch. Kein einzelnes Ereignis, das alles ausgelöst hat.
Es war nicht laut.
Es war leise. Subtil. Schleichend. Fast unsichtbar.
Nach aussen läuft mein Leben weiter. Ich funktioniere. Ich gehe mit Blue spazieren. Ich erledige den Haushalt. Ich halte Termine ein. Ich lächle, wenn es erwartet wird.
Aber innerlich wird es dunkler. Und ich merke, wie ich wieder an einen Punkt komme, den ich eigentlich schon kenne. Brunhilde wird lauter. Strenger. Härter.
Und darüber möchte ich heute schreiben.
Aussen stabil und maskiert funktionieren – aber innerlich zerbrechen, wenn niemand merkt, wie es dunkler wird.
Der Stillstand, der mehr auslöst als man denkt
Vor Wien stagnierte mein Gewicht. Wochenlang. Die Waage bewegte sich kaum.
Aber nicht nur das, auch meine Disziplin liess zu wünschen übrig. Ich trackte die Kalorien nicht mehr genau, war unmotiviert, nicht mehr im Rhythmus. Es lief einfach nicht mehr so wie am Anfang.
Und das hat mich enorm gestresst. Mehr, als ich mir eingestehen wollte. Ich habe mich täglich gewogen, aber es nicht mehr täglich aufgeschrieben, denn jeder Stillstand fühlte sich an wie ein persönliches Versagen. Jede Schwankung gab mir das Gefühl, nicht gut genug zu sein.
Ich habe mir gesagt, es sei normal. Aber innerlich war da dieses nagende Gefühl: Ich mache zu wenig! Ich bin zu undiszipliniert! Ich habe die Kontrolle verloren!
Die Waage wurde zum Richter. Und ich stand jeden Tag davor wie vor einer Prüfung.
Fünf Tage ohne Kontrolle, aber nicht ohne Druck
Dann kam Wien. Fünf Tage, in denen ich einfach gegessen habe.
Nicht getrackt. Nicht gerechnet. Nicht kontrolliert.
Und trotzdem war es keine Freiheit. Es war innerliche Anspannung.
Ich konnte es nicht richtig geniessen. Ich hatte immer dieses leise Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Jeder Bissen war begleitet von diesem inneren Rechnen, auch wenn ich offiziell „nicht gezählt“ habe. Brunhilde flüsterte mir ständig leise zu: Das, was du hier machst, ist falsch! Du wirst es bereuen!
Diese fünf Tage haben etwas aktiviert. Nicht Entspannung. Sondern das Gefühl komplett versagt zu haben!
Zurück in die Strenge
Nach Wien habe ich sofort wieder angefangen. 1800 kcal. Sauber. Strukturiert.
Aber schon in der ersten Woche kamen die Gedanken.
Nicht genug. Zu viele Kalorien. Die Waage geht nicht runter. Es geht zu langsam.
Ich habe wieder mehrmals täglich gewogen. Zahlen verglichen. Hochgerechnet. Und obwohl 1800 eigentlich mein Plan waren, fühlten sie sich plötzlich wie ein Kompromiss an.
Also begann ich zu optimieren.
Ich habe mein Frühstück durch einen Shake ersetzt, nicht, weil ich keinen Hunger hatte, sondern um Kalorien zu sparen. Ich habe den Shake so spät wie möglich getrunken, um länger nichts essen zu müssen. Am Nachmittag der Proteinquark mit Dinkelpops, weil er zu meinem Ritual gehört und ich auf meine Proteine kommen muss.
Alles klingt vernünftig. Alles klingt diszipliniert.
Aber es geht nicht mehr um Ernährung. Es geht um Sicherheit und um Kontrolle.
Ich habe die App auf 1600 kcal umgestellt. Nicht, weil 1800 objektiv zu viel sind. Sondern weil ich mir selbst keinen Spielraum mehr geben will. Und dann begann ich, immer öfter unter 1600 zu bleiben. 1500 fühlen sich besser an. 1300 noch kontrollierter.
Aktivitätskalorien wurden immer wichtiger. Mehr Schritte. Längere Runden mit Blue. Mehr Bewegung, um das Defizit hochzupushen.
Und dann ging die Waage plötzlich schneller runter. 1.5 Kilo in 1.5 Wochen.
Und das hat mich gepusht. Nicht glücklich gemacht. Sondern bestätigt.
Mehr Strenge funktioniert. Mehr Kontrolle funktioniert.
Und mit jedem Kilo wurden meine Gefühle leiser.
Hungern betäubt. Kontrolle strukturiert Chaos. Zahlen geben Halt.
Die Dunkelheit war noch da.
Aber sie war überlagert von Tabellen, Apps, Defiziten, Schrittzahlen.
Mein ganzer Tag drehte sich irgendwann fast ausschliesslich um Kalorien, Gewicht, Leistung und Bestrafung.
Nicht fühlen. Aber Schmerz spüren.
Alkohol, Flashbacks und Funktionieren im Ausnahmezustand
Diese Woche hatte ich von Montag bis Donnerstag jeden Tag ein Defizit von über 1000 kcal. Am Donnerstag hatte ich nur 829 kcal gegessen.
Und genau an diesem Abend war ich alleine zuhause, weil Kim mit einem Freund essen war.
Es war nicht seine Abwesenheit, die mich an dem Tag die Kontrolle verlieren liess. Es war die Dunkelheit, die schon lange in mir arbeitet.
Ich habe Alkohol getrunken. Nicht aus Genuss. Sondern weil ich es innerlich nicht mehr ausgehalten habe. Ich wollte Ruhe im Kopf.
Weil Alkohol Kalorien hat, habe ich auch nichts mehr gegessen. Und ich habe ihn auch nicht in die App eingetragen.
An diesem Abend habe ich dann angefangen belastende Nachrichten zu einem bestimmten Ereignis gelesen. Nachrichten, die Flashbacks ausgelöst haben. Panik. Dissoziation.
Ich wurde aus der Realität gekickt. Mein Körper war da, aber ich war es nicht mehr richtig.
Und in diesem Zustand bin ich absichtlich erbrechen gegangen.
Nicht wegen dem Essen. Sondern weil der Druck unerträglich war.
Und während ich innerlich völlig instabil war, habe ich funktioniert.
Ich habe Wäsche gewaschen und aufgehängt. Blue versorgt. War mit ihr draussen. Habe ihr Barf für den nächsten Tag rausgeholt. Die Küche sauber gemacht.
Ich war betrunken. Ich war dissoziiert. Und trotzdem lief alles weiter.
Aussen stabil. Innen zerfallend.
Wenn der Körper ein Zeichen setzt und Zahlen zum Problem werden
Gestern ist mein Körper ausgestiegen.
Bis nach dem Tierarzttermin, also bis etwa 18 Uhr, hatte ich knapp 750 kcal gegessen.
Ein Proteinshake.
Ein Proteinriegel.
Ein Proteinquark mit Dinkelpops.
Auf dem Papier wirkt das vielleicht vernünftig. Proteinreich. Kontrolliert. Geplant. In Wahrheit war es zu wenig.
Beim Tierarzt wurde mir sturm. Fast schwarz vor Augen. Kaltschweiss. Zittern. Der Raum wurde enger. Mein Körper fühlte sich an, als würde er gleich nachgeben.
Ich hatte vormittags meine Tage bekommen. Vor dem Tierarzt hatte ich noch einen Termin bei meiner Therapeutin. Am Tag davor, Alkohol, auch schon kaum gegessen.
Mein Kreislauf war instabil. Mein Zuckerspiegel unten.
Und trotzdem konnte ich nicht umkippen. Ich musste funktionieren. Also habe ich mich zusammengerissen.
Wieder zuhause bekam ich dann Migräne. Ich hatte schon ewig keine Migräne mehr.
Trotz Migräne habe ich mir dann Essen gemacht ohne gross auf die kcal zu achten. Weil ich gemerkt habe, dass ich sonst wirklich zusammenbreche. Aber ich habe sie trotzdem aufgeschrieben.
Am Ende standen 2200 kcal in der App. Und in mir ist etwas zerbrochen.
Versagt.
Keine Kontrolle.
Alles kaputt.
Ich sass da und habe leise geweint. Alleine. Mit diesem Gefühl, als hätte ich eine ganze Woche Disziplin zerstört. Dabei hatte ich die ganze Woche ein massives Defizit. Mein Körper hat nicht versagt. Er hat versucht zu überleben.
Aber in meinem Kopf fühlte es sich an wie Scheitern.
Und dann kam dieses Bedürfnis: Ich will das wieder loswerden. Ich will diese Zahl ausradieren. Ich will sie ungeschehen machen. Ich will sie wegkotzen.
Nicht, weil ich zu satt war.
Sondern weil ich die Scham nicht ausgehalten habe.
Brunhilde wird lauter
Während im Aussen alles „funktioniert“ , wird Brunhilde immer lauter.
„Du leistest zu wenig.“
„Du bist zu faul.“
„Du hast keine Kontrolle.“
„Du bist zu viel.“
Ich schaue meine Arme an. Berühre sie. Und Bilder tauchen auf. Bilder von Klingen auf meiner Haut. Von Blut. Von mir, wie ich mir selbst weh tue.
Oder ich kippe in Dissoziation. So stark, dass ich im Sitzen weg bin. Augen geschlossen, aber nicht schlafend. Mein Körper ist weg, kaum spürbar. Mein Kopf rast. Gedanken schiessen wie Blitze durch mein Gehirn. Und es wird immer schwieriger, wieder zurückzukommen und anwesend zu bleiben.
Auch Gedanken an Suizid sind wieder da.
Am Anfang waren sie leise. Erst war es nur: Ich mag so nicht mehr. Vielleicht ist es besser wenn ich nicht mehr da bin.
Mit der Zeit wurden sie konkreter. Es wurde zu: So könnte es klappen. Oder: Vielleicht mache ich es so.
Ich habe nicht vor, es zu tun. Aber ich merke, wie die Gedanken dunkler werden. Präsenter werden.

Maskieren – aber innerlich zerbrechen
Und trotzdem sieht man es mir nicht an.
Ich funktioniere. Ich gehe mit Blue raus, bis wir beide erschöpft sind. Ich halte den Haushalt. Ich rede normal.
Wenn Kim nach Hause kommt, ist er oft müde. Durch sein ADHS und das Nachlassen seiner Medikation ist er nicht immer aufnahmefähig. Ausserdem hat er auch seine eigenen Hobbys und will auch mal was für sich machen. Das ist kein Vorwurf. Es ist Realität.
Und ich denke: Ich darf jetzt nicht auch noch schwierig sein.
Also schweige ich.
Ich will niemandem zur Last fallen. Nicht anstrengend sein. Nicht die mit den dunklen Gedanken sein. Also maskiere ich.
Es gibt Tage, da spreche ich kaum ein Wort mit jemandem.
Ich ziehe mich zurück. Schreibe weniger. Poste weniger. Versuche die Therapie zu meiden.
Nicht, weil es mir egal ist. Sondern weil ich Angst habe, zu viel zu sein.
Am liebsten würde ich mich löschen.
Nicht nur virtuell.
Wenn Dunkelheit wie Disziplin aussieht
Das Gefährlichste daran ist, dass es von aussen fast gesund wirkt.
Gewichtsabnahme wird gelobt.
Spaziergänge wirken aktiv.
Disziplin wirkt stark.
Ich halte Hunger bewusst aus. Nicht, weil ich ihn nicht spüre. Sondern weil ich ihn spüren will.
Dieses leichte Zittern. Dieses Schwachwerden. Dieses Gefühl, kurz vor der Grenze zu sein. Es fühlt sich an wie Kontrolle. Wie Stärke. Wie Beweis dafür, dass ich es ernst meine.
Je grösser das Defizit, desto besser fühle ich mich. Nicht glücklich. Aber streng. Kontrolliert. Überlegen.
Niemand sieht, dass Kontrolle gerade Selbstzerstörung ist.
Niemand sieht, dass Essen zur Strafe wird.
Dass Erbrechen wieder zur Option wird.
Dass Gedanken dunkler werden, obwohl ich stabil wirke.
Ich wirke stabil. Innerlich bröckle ich.
Und vielleicht schreibe ich das nicht, weil ich eine Lösung habe. Sondern weil ich nicht mehr so tun will, als wäre es nur Ehrgeiz.
Es ist Dunkelheit im Gewand von Disziplin.
Nicht der grosse Zusammenbruch. Sondern dieses stille Zerbrechen bei gleichzeitigem Funktionieren.
Und ich merke, wie schnell man dabei verschwinden kann, ohne dass es jemand merkt.
Ich hoffe, ich konnte euch mit diesem Text einen Einblick geben, wie sich Hochfunktionalität anfühlen kann, wenn sie eigentlich ein Überlebensmodus ist. Vielleicht erkennt sich jemand darin wieder. Vielleicht merkt jemand bei sich selbst früher, wenn Disziplin kippt und Kontrolle zur Strafe wird. Und vielleicht erinnert dieser Text auch daran, dass nicht alles, was stark aussieht, wirklich gesund ist.
Ich wünsche euch einen schönen Tag und passt gut auf euch auf! ❤️
Wenn du dich in diesem Text wiedererkennst und merkst, dass es bei dir gerade ähnlich dunkel ist, bitte bleib nicht alleine damit. Hochfunktionalität bedeutet nicht, dass man es alleine schaffen muss.
Wenn es akut wird, erreichst du in der Schweiz die Dargebotene Hand unter 143, rund um die Uhr.




Kommentare