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Zwischen Hungern und Binge Eating – zwei Seiten derselben Krankheit

Aktualisiert: 1. Juni

Hallo ihr Lieben ❤️


Wenn Menschen an Essstörungen denken, haben sie oft ein sehr bestimmtes Bild im Kopf.

Sie denken an Menschen, die hungern. An Menschen, die möglichst wenig essen. An Menschen, die sichtbar dünn sind. Woran die wenigsten denken, ist Binge Eating. An Kontrollverlust. An Essen als Ventil. An das Gefühl, nicht mehr aufhören zu können.

Und noch seltener denken sie dabei an Menschen wie mich. Denn ich bin übergewichtig.

Viele Menschen sehen Übergewicht und gehen automatisch davon aus, dass Essen das einzige Problem sein muss. Was sie nicht sehen: Dass Essen und Nichtessen mein ganzes Leben schon ein Thema sind. Dass meine Essstörung nicht nur aus Binge Eating besteht, aber auch nicht nur aus Hungern. Sondern aus beidem. Mal gewinnt die eine Seite die Oberhand, mal die andere.

Viele Menschen sehen nur mein Gewicht.

Sie sehen nicht die Phasen, in denen Kontrolle mein Leben bestimmt hat. Sie sehen nicht die Phasen, in denen Binge Eating mein Leben bestimmt hat. Sie sehen nicht den ständigen Wechsel zwischen Kontrolle und Kontrollverlust.

Und genau deshalb möchte ich heute über etwas sprechen, das mich schon seit vielen Jahren begleitet.


Zwei Seiten derselben Krankheit - Hungern und Binge Eating

Wenn ich auf die letzten Jahre zurückblicke, dann sehe ich immer wieder dasselbe Muster.

Phasen, in denen Binge Eating mein Leben bestimmt hat. Phasen, in denen Kontrolle mein Leben bestimmt hat. Phasen, in denen ich gegessen habe, obwohl ich längst keinen Hunger mehr hatte und Phasen, in denen ich zu wenig gegessen habe, obwohl mein Körper längst mehr gebraucht hätte. Von aussen sehen diese beiden Extreme völlig unterschiedlich aus. Für mich fühlen sie sich ähnlich an. Denn beides hat mit Essen zu tun. Beides hat mit Gefühlen zu tun. Beides hat mit Kontrolle zu tun und beides hat die Macht, mein Leben komplett einzunehmen. Meine Essstörung hat nicht plötzlich die Richtung gewechselt, sie war die ganze Zeit da. Mal war die Kontrolle lauter, mal der Kontrollverlust, aber beides gehörte immer dazu.


Als sich alles um Kontrolle drehte

Wer meinen Blog schon länger liest, erinnert sich vielleicht daran, dass sich bei mir vor ein paar Monaten fast alles ums Abnehmen drehte.

Kalorien zählen, Schritte sammeln, möglichst wenig essen. Immer noch etwas mehr Bewegung, immer noch etwas mehr Kontrolle. Ich bekam Komplimente für meine Gewichtsabnahme, mein Umfeld war stolz auf mich. Ich war stolz auf mich und jede Zahl auf der Waage, die nach unten ging, fühlte sich wie ein Erfolg an. Von aussen sah vieles gesund aus. Doch es war nie genug. Die Waage war mein persönlicher Richter. Ich weiss, dass das nicht alles gesund war. Denn irgendwann ging es nicht mehr darum, auf meinen Körper zu hören. Es ging darum, die Kontrolle zu behalten. Egal wie.


Ich habe die Warnsignale ignoriert

Als die Schmerzen in meinem Fuss begannen, hätte ich eigentlich bremsen müssen. Mein Körper hat mir längst gezeigt, dass etwas nicht stimmt. Aber ich habe weitergemacht, mich kaum geschont, kaum Pausentage gemacht. Ich habe die Warnsignale einfach ignoriert, denn ich wollte immer mehr laufen, immer mehr schaffen. Weil da dieser Gedanke war, dass ich nur weitermachen muss, dass ich nur genug Kontrolle brauche, dass ich nur genug leisten muss.

Und deshalb bin ich wochenlang jeden Tag zwischen 10'000 und 20'000 Schritte gelaufen. Nicht nur einmal, nicht nur gelegentlich, sondern jeden einzelnen Tag. Ohne Rücksicht auf meinen Körper oder die Schmerzen. Die Schmerzen waren irgendwann nicht mehr nur etwas, das ich in Kauf genommen habe. Sie haben mir etwas gegeben. Solange mein Inneres so laut war, haben die Schmerzen im Fuss meine Aufmerksamkeit nach aussen gezogen. Sie waren greifbar, verständlich, kontrollierbar. Und vielleicht war es genau deshalb so schwer für mich, damit aufzuhören. Rückblickend muss ich mir eingestehen, dass da vielleicht auch ein Stück Selbstverletzung dabei war. Doch jetzt bezahle ich dafür die Rechnung.

Mittlerweile habe ich eine Entzündung im Bereich des rechten Vorfusses und einen Gelenkerguss, der sich über alle Zehengelenke zieht. Schon kleine Spaziergänge mit Blue reichen aus, damit ich danach kaum noch laufen kann. Selbst das Rumlaufen zu Hause und das Erledigen des Haushalts reichen aus, damit ich so extreme Schmerzen im Fuss bekomme, dass ich nicht mehr richtig auftreten kann.

Und obwohl ich weiss, dass ich meinen Körper selbst an diesen Punkt gebracht habe, fällt es mir unglaublich schwer, das zu akzeptieren. Denn mit der Bewegung ist nicht nur die Bewegung verschwunden. Es ist viel mehr verschwunden.


Als mein ganzes System zusammenbrach

Für viele Menschen klingt das vielleicht übertrieben. Man kann doch auch mal ein paar Wochen weniger laufen, sich doch einfach ausruhen. Ich wünschte, es wäre für mich so einfach. Denn das Laufen war längst nicht mehr nur Bewegung. Es war mein Ausgleich, mein Ventil. Es war Bestanteil meines Rhythmus, gab mir ein Teil meines Sicherheitsgefühls und meiner Kontrolle.

Und als das plötzlich wegfiel, hatte ich das Gefühl, dass etwas in mir zusammengebrochen ist. Es fühlt sich an, als wäre ein wichtiges Zahnrad aus meinem Inneren herausgebrochen worden. Nichts greift mehr richtig ineinander. Nichts funktioniert mehr so wie vorher. Ich kann mich nicht mehr regulieren wie vorher. Ich kann Spannungen nicht mehr abbauen wie vorher. Und ich habe das Gefühl, auf ganzer Linie versagt zu haben.

Ich habe wieder zugenommen, habe die Kontrolle verloren, niemand lobt mich mehr und niemand ist mehr stolz auf mich. Ich schäme mich dafür und ich hasse mich dafür. Und dabei wird die Einsamkeit grösser und der Schmerz tiefer.


Wenn Essen zum letzten Ventil wird

Das Schwierige ist, dass mein Gehirn schon immer nach Möglichkeiten gesucht hat, mit Stress und Anspannung umzugehen.

Früher habe ich gekifft und geraucht. Manchmal habe ich Alkohol benutzt, um mich zu beruhigen. Und dann kam Anfang dieses Jahres das laufen dazu. All diese Dinge hatten etwas gemeinsam. Sie haben kurzfristig geholfen, Spannung abzubauen.

Heute fallen viele dieser Möglichkeiten weg. Ich kiffe nicht mehr. Ich rauche nicht mehr und ich trinke nicht mehr. Und darauf bin auch sehr stolz.

Jedoch kann ich mich durch die Fussverletzung auch nicht mehr so bewegen wie vorher.

Das bedeutet, dass mein Gehirn nach anderen Möglichkeiten sucht, um mit Stress umzugehen.

Und Essen funktioniert leider sehr gut. Essen ist jederzeit verfügbar. Essen gibt kurzfristig ein gutes Gefühl. Essen lenkt ab. Essen beruhigt. Essen betäubt. Zumindest für einen Moment. Mein Gehirn hat über Jahre gelernt, dass Essen Spannung reduziert. Und genau deshalb greift es in schwierigen Zeiten immer wieder darauf zurück. Nicht weil ich plötzlich keine Disziplin mehr habe. Nicht weil mir alles egal geworden ist.

Und vor allem nicht weil ich Hunger habe. Sondern weil ich überfordert bin und weil mein System verzweifelt versucht, mit allem fertig zu werden.


Frau mit verletztem Fuss sitzt erschöpft zwischen Fastfood und Snacks auf dem Küchenboden. Das Bild zeigt Binge Eating als Reaktion auf Stress, Überforderung und den Verlust wichtiger Bewältigungsstrategien.

Dauerstress auf allen Ebenen

Und als wäre die Fussverletzung nicht schon genug, fühlt sich mein Leben gerade ohnehin wie Dauerstress an.

Da ist der bevorstehende Umzug. Für viele Menschen ist ein Umzug einfach anstrengend.

Für mich mit Borderline und komplexer PTBS fühlt es sich jedoch an wie ein riesiger Berg, der direkt vor mir steht.

Ein Umzug bedeutet Veränderungen, Planung, Chaos, Ungewissheit, neue Situationen, viele Menschen, die uns beim Umzug helfen, viele Dinge an die ich denken und die ich organisieren muss. Und viele Dinge, die ich nicht kontrollieren kann. Und genau das triggert mich. Das löst enormen Stress in mir aus und überfordert mich.

Dazu kommen die Nachwirkungen meiner Beistandschaft. Ich habe darum gekämpft, diese Person wieder loszuwerden. Weil sie mir mehr Probleme als Entlastung gebracht hat.

Gleichzeitig muss ich nun alles wieder selbst regeln und Fehler ausbaden, die in dieser Zeit entstanden sind. Zum Beispiel habe ich vor Kurzem erfahren, dass ich offenbar seit Monaten keine Hausrat- und Haftpflichtversicherung mehr habe, mir das nicht mal Aktiv mitgeteilt wurde von der Versicherung und dies passiert ist, weil meine Beiständin eben ihre Sachen nicht erledigt hat.

Solche Dinge wirken für sich allein vielleicht klein. Aber wenn sich viele davon ansammeln, werden sie schwer.

Sehr schwer. Sie sind für mich ein zusätzlicher Stressfaktor. Für manche mag das vielleicht unverständlich sein, für mein Nervensystem ist das aber einfach zu viel.

Und dann ist da noch Kim. Er arbeitet 100 Prozent, macht zusätzlich eine Weiterbildung, hat seinen eigenen Stress und natürlich ziehen wir gemeinsam um.

Menschen mit Borderline kennen das mit der Favorite Person (FP). Einen Menschen, an den das eigene emotionale Erleben besonders stark gekoppelt ist. Kim ist meine FP. Wenn er gestresst ist, belastet mich das ebenfalls. Wenn er überfordert ist, spüre ich das mit. Wenn bei ihm etwas nicht rund läuft, beeinflusst das auch mein emotionales empfinden. Nicht weil er etwas falsch macht. Sondern weil ich mich schwer abgrenzen kann und sehr stark mitfühle. Und weil er meine Favorite Person ist, hat sein Stress einen viel stärkeren Einfluss auf mein eigenes emotionales Erleben, als es vermutlich gesund ist.

Und dann ist da noch Blue.

Sie frisst schlechter. Sie trinkt schlechter. Sie hat wenig Lust auf Spaziergänge und sie ist frech und aufmüpfig. Sie hört grad kein Wort und ist rebellisch. Vermutlich kicken ihre Hormone wieder und sie steht vor der nächsten Läufigkeit. Ihr Verhalten spricht jedenfalls stark dafür.

Auch das beschäftigt mich. Auch das kostet Kraft und Nerven. Und irgendwann wird aus vielen einzelnen Belastungen ein Berg.


Was viele Menschen nicht sehen

Das vielleicht Perfideste an der ganzen Sache ist, dass viele Menschen Essstörungen immer noch am Körpergewicht festmachen. Wer dünn ist, dem glaubt man oft sofort, dass Essen ein Problem sein kann.

Wer dick ist, dem glaubt man das deutlich seltener. Oft denken viele übergewichtigen Menschen gegenüber, dass diese einfach nur hemmungslos und ohne Scham alles in sich hinein stopfen und einfach keine Disziplin haben bezüglich Essen.

Dabei sieht niemand die Gedanken, die Angst, die Schuldgefühle und den Selbsthass. Niemand sieht die ständige Beschäftigung mit Essen, die Phasen des Verzichts und die Kontrolle. Niemand sieht den ständigen Kampf und die Scham, wenn man wieder versagt hat.

Viele Menschen sehen nur mein Gewicht. Und ziehen daraus ihre eigenen Schlüsse.

Dabei war Essen für mich nie einfach nur Essen. Und Nichtessen war für mich nie einfach nur Nichtessen. Beides war schon immer Teil derselben Geschichte. Und war schon in meiner Vergangenheit negativ geprägt.


Zwischen Kontrolle und Kontrollverlust

Im Moment gewinnt wieder die Seite des Kontrollverlustes. Binge Eating ist laut. Sehr laut.

Ich esse Junkfood. Ich snacke. Ich esse Süsses und Fastfood. Dinge, die ich eigentlich gar nicht mehr so viel essen möchte. Ich tracke nicht mehr, trinke meine Shakes nicht mehr, koche kaum noch richtig und schon gar nicht mehr clean und ich habe ständig Hunger oder zumindest fühlt es sich so an.

Und das wiederum löst Schuldgefühle, Selbsthass und Frust aus. Noch mehr Stress. Noch mehr Essen.

Ein Kreislauf, den ich nur zu gut kenne.

Und trotzdem ist mir heute etwas bewusster als früher: Die eigentliche Krankheit ist weder das Binge Eating noch das Hungern. Die eigentliche Krankheit ist das, was darunter liegt. Der Versuch, mit Gefühlen umzugehen, innere Spannungen auszuhalten und Kontrolle über etwas zu bekommen, wenn sich alles andere unsicher anfühlt.

Solange die Kontrolle überwog, stand der Verzicht stärker im Vordergrund. Wenn die Kontrolle brüchig wurde, gewann das Binge Eating wieder mehr Raum. Die Form veränderte sich, die zugrunde liegende Krankheit blieb dieselbe. Zwischen Hungern und Binge Eating liegen bei mir keine Jahre. Manchmal liegen nur Wochen oder Monate dazwischen. Denn beides entspringt derselben Krankheit. Dem ständigen Kampf zwischen Kontrolle und Kontrollverlust.


Wo ich gerade stehe

Wenn ich ehrlich bin, weiss ich im Moment nicht genau, wie ich da wieder herausfinde.

Ich würde gerne sagen, dass ich die Lösung bereits gefunden habe. Spoiler: Habe ich aber nicht. Im Moment stecke ich mittendrin. Ich kämpfe jeden Tag damit und esse mehr, als mir guttut. Ich greife zu Dingen, die ich eigentlich gar nicht essen möchte und ich habe ständig das Gefühl von Hunger, obwohl ich oft weiss, dass es gar kein echter Hunger ist. Und ich hasse und schäme mich so sehr dafür.

Gleichzeitig versuche ich zu verstehen, was gerade in mir passiert, und versuche, mit dem Stress und den Schmerzen umzugehen. Und ich versuche, mich selbst nicht nur über mein Gewicht zu definieren.

Das gelingt mir nicht wirklich gut, muss ich gestehen. Oft genug bin ich mein eigener schlimmster Kritiker. Brunhilde hat zu diesem Thema jedenfalls sehr viel zu sagen.

Aber vielleicht beginnt Veränderung manchmal nicht damit, sofort alles perfekt zu machen. Vielleicht beginnt sie damit, ehrlich hinzusehen. Zu erkennen, dass ich vielleicht gerade nicht versage, sondern dass mein System überlastet ist. Dass mein Körper verletzt ist und dass ich unter enormem Stress stehe. Und dass Essen gerade zu etwas geworden ist, das eine Lücke füllt, die eigentlich ganz woanders entstanden ist.

Anzuerkennen, dass hinter dem Essen oft etwas ganz anderes steckt. Etwas, das deutlich tiefer geht als Hunger und das deutlich tiefer geht als Kalorien. Etwas, das schon lange da ist. Auch wenn es immer wieder seine Form verändert. Das macht die Situation nicht einfacher. Aber vielleicht könnte es mir helfen, etwas weniger hart mit mir selbst zu sein.



Ich hoffe, ich konnte euch mit diesem Beitrag einen Einblick geben, warum Hungern und Binge Eating manchmal näher beieinander liegen, als viele Menschen denken. Und warum eine Essstörung nicht immer nur in eine Richtung geht, sondern manchmal zwischen Kontrolle und Kontrollverlust hin und her pendelt.


Passt gut auf euch auf und habt einen schönen Tag. ❤️

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