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Mein Umgang mit einer Essstörung – zwischen Zwang, Ekel und Kontrollverlust

Aktualisiert: 18. Feb.


Triggerhinweis:
In diesem Beitrag schreibe ich offen über meine Essstörung, über Binge Episoden, Ess-Brech Drang, Scham, Kontrolle sowie belastende Erfahrungen im Zusammenhang mit Essen. Der Text kann emotional belastend sein. Achte bitte gut auf dich und lies nur weiter, wenn es sich für dich sicher anfühlt.


Hallo ihr Lieben


Essen ist für viele Menschen etwas Alltägliches. Etwas Neutrales. Etwas, das satt macht, Freude bereitet oder einfach nebenbei passiert. Für mich war Essen das nie. Essen ist für mich seit meiner Kindheit ein hochbeladenes Thema. Eines, das Stress macht, Angst auslöst, Scham erzeugt und mich immer wieder an meine Grenzen bringt.

Ich lebe mit einer Essstörung, die viele Gesichter hat. Und genau darüber möchte ich heute schreiben. Nicht, um zu schockieren. Sondern um sichtbar zu machen, wie komplex, widersprüchlich, belastend und erschöpfend ein gestörtes Essverhalten sein kann.


Binge als Stressreaktion

Ein Teil meiner Essstörung zeigt sich in Binge Episoden. Immer dann, wenn mir alles zu viel wird, wenn ich angespannt, überfordert oder innerlich kurz vor dem Kippen bin, meldet sich ein sehr intensiver Drang nach Essen. Nicht nach irgendeinem Essen, sondern nach Junkfood, Fastfood, süssem, fettigem, deftigem Essen. Nach möglichst viel davon. Nach schnellem Essen. Essen, das betäubt.

In diesen Momenten kenne ich kaum ein Mass. Ich esse weiter, auch wenn ich längst satt bin. Ich esse, bis ich so überfüllt bin, dass mir fast schlecht wird. Es ist kein Genuss, kein bewusster Entscheid. Es ist ein Kontrollverlust, der sich anfühlt wie ein Automatismus.

Danach kommt fast immer das Gleiche. Selbsthass. Frust. Scham. Das Gefühl, komplett versagt zu haben. Und der Drang, mich dafür zu bestrafen. Manchmal endet das im Erbrechen. Ich stecke mir den Finger in den Hals, nicht um mich zu erleichtern, sondern um mich zu demütigen. Um mich dafür zu bestrafen, dass ich gegessen habe. Um mich noch kleiner zu machen. Das mache ich aber nur, wenn mich niemand sehen oder hören kann, still und heimlich.

Und danach ist die Scham noch grösser. Wieder versagt. Wieder alles kaputt gemacht.

Aktuell habe ich meine Binge und Ess-Brech Episoden gut im Griff. Seit Oktober 2025 hatte ich keine solchen Anfälle mehr. Aber der Drang ist nicht einfach verschwunden. Er ist immer wieder da. Fast täglich. Sehr präsent. Und es kostet mich enorme Energie, ihm nicht nachzugeben.

Dieser Drang ist für mich sehr vergleichbar mit dem Drang zu Selbstverletzung oder Substanzmissbrauch. Nur dass er bereits bei mittlerer, kurz vor hoher Anspannung auftaucht. Essen wird dann zu einem Skill, der eigentlich keiner ist. Zu einem Versuch, innere Spannung zu regulieren.


Stark eingeschränktes Essverhalten und krankhafter Stolz

Auf der anderen Seite gibt es Tage, an denen ich fast nichts esse. Manchmal vielleicht gerade mal 1000 Kalorien. An diesen Tagen merke ich, dass es mir energietechnisch schlecht geht. Dass mein Körper müde ist. Schwach. Unterversorgt.

Und trotzdem bin ich stolz. Krankhaft stolz. Stolz darauf, dass ich es geschafft habe, kaum zu essen. Dass ich durchgehalten habe. Dass ich kontrolliert war.

Rational weiss ich, wie problematisch dieses Verhalten ist. Emotional fühlt es sich wie ein Erfolg an. Und genau das zeigt, wie verzerrt mein Verhältnis zu Essen ist. Essen ist nie einfach Essen. Es ist immer Leistung, Kontrolle oder Versagen.


Essen unter Dauerbewertung

Mein Bezug zu Essen ist fast immer mit Druck verbunden. Ich darf nicht zu viel essen. Ich muss kontrollieren. Wenn ich mir etwas gönne, schaltet sich sofort Brunhilde ein.

Brunhilde ist gnadenlos. Sie sagt mir, dass ich das nicht darf. Dass ich fett und hässlich bin. Dass ich so niemals abnehmen werde. Dass Kim mich irgendwann verlassen wird, weil ich nicht attraktiv genug bin. Dass ich keine Disziplin habe. Dass Genuss verboten ist.

Besonders schlimm wird es, wenn ich Inhalte übers Abnehmen lese oder auf Social Media sehe. Dann steigt der Druck noch mehr. Ich muss strenger sein. Mehr machen. Härter mit mir sein. Ich bin selbst schuld, wenn es stagniert. Ich bin schlecht. Ich darf nicht geniessen. Ich darf mir nichts Gutes tun. Ich habe das nicht verdient.

Brunhilde ist in diesen Momenten extrem laut. Krankhaft streng. Und unglaublich zerstörerisch.


Ekel, Angst und alte Prägungen

Neben Binge Episoden und stark eingeschränktem Essverhalten gibt es noch eine weitere Ebene meiner Essstörung. Eine, die viel mit Ekel, Angst und Kontrolle zu tun hat.

Ich wurde als Kind stark abgewertet und für mein Essverhalten verurteilt. Mir wurde Essen zwangsweise in den Mund gedrückt, wenn ich etwas nicht essen wollte. Es wurden mir eklige Geschichten über Lebensmittel erzählt. Wie zum Beispiel, dass Ketchup aus Blut gemacht wird oder dass Chicken Nuggets aus Rattenfleisch bestehen. Solche Aussagen haben sich tief eingebrannt.

Ich habe dadurch massiven Ekel vor vielen Lebensmitteln entwickelt. Lange Zeit konnte ich praktisch kein Gemüse essen, keine Kräuter, keine Zwiebeln, keinen Knoblauch und vieles mehr. Mein Essverhalten war extrem eingeschränkt. Ich habe vorwiegend Nudeln, Kartoffeln, Reis, Pommes, Pizza, Hühnchen mit Sahnesauce und Tomatensauce ohne Stückchen gegessen.

Konsistenzen sind bis heute ein grosses Thema. Püreeartige Speisen haben bei mir lange sofort Brechreiz ausgelöst, ebenso gekochtes Gemüse oder Gemüse allgemein bis auf rohe Karotten. Ich kann oft nicht erklären, warum etwas nicht geht. Es geht einfach nicht.

Zusätzlich musste ich schon früh Abnehmshakes und Tabletten nehmen. Es gab für alles irgendein Globuli oder eine Tablette und ich war selbst für Bauchschmerzen, Übelkeit oder Migräne immer selbst Schuld, da ich ja schlecht esse. Mein Aussehen und mein Gewicht wurden ständig kritisiert. Mein Essverhalten wurde vor anderen blossgestellt.

Paradoxerweise wurde ich dann mittags oft einfach zum Pizzalieferdienst geschickt, weil ich alleine zuhause war. Ich ass Pizza, nahm zu und begann aus Angst vor erneuter Verurteilung, das Essen danach wieder zu erbrechen. Nicht aus Genuss, sondern aus Panik.


Eine junge Frau sitzt an einem Tisch und hält sich mit beiden Händen den Kopf. Ihr Gesicht wirkt angespannt und überfordert. Um sie herum liegen verschiedene Lebensmittel, Tabletten und Essensreste. Im Hintergrund sind schemenhaft belastende Kindheitsszenen und angstausloesende Bilder angedeutet, die Ekel, Druck und innere Angst widerspiegeln.

Essen, Scham und soziale Situationen

Neue Lebensmittel zu probieren ist für mich extrem schwierig. Als ich frisch mit Kim zusammen war und er mich fragte, ob ich Neues probieren möchte, bekam ich Panikattacken. Zwei kulinarische Welten sind aufeinandergeprallt. Er isst fast alles. Ich ass damals fast nichts.

Durch ihn und durch eine Hypnosetherapie ist es besser geworden. Kim war geduldig, verständnisvoll und hat mir Sicherheit gegeben. Anfangs konnte er mein Verhalten nicht nachvollziehen. Heute weiss er, dass meine Essstörung tief sitzt.

Wenn mich heute jemand fragt, ob ich etwas probieren möchte, bricht oft Panik und Scham in mir aus. Die Angst, sagen zu müssen, dass es mir nicht schmeckt und dafür verurteilt zu werden, wird riesig gross. Also lehne ich meist ab.

In Gesellschaft zu essen ist ebenfalls sehr schwierig. Fremde Menschen machen mir Angst. Sie könnten mich beobachten, bewerten, fragen, warum ich etwas nicht esse. Sobald mich jemand darauf anspricht, ist es oft vorbei. Mir wird schlecht. Ich kann nicht mehr essen. Die Scham wird überwältigend.

Besonders schlimm war es für mich immer, in Kliniken in Gruppen oder auf der Arbeit im Gemeinschaftsraum zu essen. Oft konnte ich dann gar nichts essen. Später kam dann der Binge, oft gefolgt von Erbrechen.

Auch Essen, das ich nicht selbst zubereitet habe, ist schwierig. Wenn ich keine Kontrolle über Zutaten, Zubereitung und Hygiene habe, steigt die Angst massiv. Restaurantbesuche gehen meistens nur, wenn Kim dabei ist oder jemand, der mir Sicherheit gibt. Wenn Tische zu nah stehen oder es Selfservice gibt, wird es wieder schwierig. Das Gefühl, beobachtet zu werden, wie viel ich auf meinen Teller lade, ist kaum auszuhalten. Brunhilde ist dann sehr präsent und flüstert mir da viele böse Sachen zu.


Wie die Essstörung meinen Alltag belastet

Ein aktuelles Beispiel zeigt sehr gut, wie stark dieses Thema meinen Alltag beeinflusst, selbst in Momenten, die eigentlich schön sein sollten.

Wir fahren für fünf Tage nach Wien, über meinen Geburtstag. Und eigentlich freue ich mich sehr darauf. Endlich mal wieder wegfahren. Etwas erleben. Rauskommen. Gemeinsam Zeit verbringen. Diese Freude ist auch da, aber sie wird sofort von Stress überlagert.

Ich habe mit Kim abgemacht, dass wir in Wien den Urlaub geniessen. Dass ich locker lasse. Dass ich nichts tracke. Kein Kalorienzählen, kein Rechnen, kein inneres Kontrollieren. Sondern einfach essen, worauf ich Lust habe, ohne mir Gedanken darüber zu machen, wie viele Kalorien es hat oder ob ich davon zunehme. Der Urlaub soll Spass machen.

Und genau das versetzt mich in massive innere Anspannung.

Der Gedanke, die Kontrolle loszulassen, löst in mir Stress aus. Nicht, weil ich nicht geniessen möchte, sondern weil mein ganzes System darauf trainiert ist, Kontrolle zu behalten.

Seit Oktober 2025 tracke ich mein Essen, bin im Abnehmprozess und habe bereits 16 Kilo abgenommen. Ich bin sehr stark in diesem Modus. In diesem Wahn aus Disziplin, Kontrolle und innerem Leistungsdruck.

Brunhilde meldet sich sofort. Sie sagt mir, dass ich mir das nicht erlauben darf. Dass ich alles kaputt mache. Dass ich zunehme. Dass ich die Kontrolle verliere. Dass ich mich zusammenreissen muss.

Gleichzeitig wünsche ich mir so sehr, diesen Urlaub zu geniessen. Ich möchte Torte essen. Ich möchte frühstücken gehen. Ich möchte Schnitzel essen, ohne innerlich alles zu zerlegen. Ich möchte meinen Geburtstag feiern, ohne mich dafür zu bestrafen.

Dieser innere Zwiespalt erzeugt enormen Druck. Und paradoxerweise ist genau dieser Druck etwas, das meinen Binge Drang kickt. Je mehr ich mir sage, dass ich locker lassen muss, desto mehr fühlt sich mein System bedroht. Alles um mich herum stresst mich schneller. Essen wird wieder zu einem hochgeladenen Thema.

Das zeigt sehr deutlich, wie wenig es dabei um Essen an sich geht. Sondern um Kontrolle, Angst und das Gefühl, etwas falsch zu machen, egal, wie ich mich entscheide. Und das ist sehr belastend und anstrengend.


Essen ist kein simples Thema

All das zeigt, wie wenig mein Essverhalten mit Willenskraft oder Disziplin zu tun hat. Essen ist für mich kein neutraler Akt. Es ist ein hoch emotionales, stressbeladenes Thema. Ein Ort, an dem sich Trauma, Kontrolle, Scham, Angst und Überlebensstrategien bündeln.

Ich schreibe diesen Text nicht, um Mitleid zu bekommen. Sondern um sichtbar zu machen, dass Essstörungen nicht immer gleich aussehen. Dass sie widersprüchlich sein können. Und dass Heilung nicht bedeutet, dass alles einfach verschwindet. Sondern dass man lernt, damit umzugehen. Schritt für Schritt. Mit viel Geduld. Und hoffentlich mit etwas mehr Mitgefühl sich selbst gegenüber.

Ich habe noch lange nicht ausgelernt, mit meiner Essstörung umzugehen. Jeder Tag ist ein Kampf für mich, aber ich bleibe dran. Mit der Unterstützung von meiner Therapeutin, Kim und Blue.


Ich hoffe, ich konnte Euch mit diesem Beitrag einen ehrlichen Einblick in meinen Umgang mit Essen, Stress und Essstörung geben. Vielleicht erkennt sich die eine oder andere Person in Teilen wieder. Und vielleicht hilft es, sich weniger allein damit zu fühlen.


Ich wünsche Euch einen schönen Tag und passt bitte auf Euch auf! ❤️

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