Die Favorite Person bei Borderline – ein Symptom verstehen
- Stefanie Garmatter
- 11. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Hallo ihr Lieben ❤️
Heute möchte ich über ein Thema schreiben, das bei Borderline sehr häufig vorkommt und trotzdem oft missverstanden wird, die sogenannte Favorite Person. Vielleicht kennst du diesen Begriff, vielleicht erkennst du dich selbst darin wieder oder vielleicht fühlt es sich einfach nur schmerzhaft und verwirrend an. Genau darum geht es heute, verstehen statt verurteilen.
Was bedeutet „Favorite Person“?
Die Favorite Person, oft kurz FP genannt, ist keine offizielle Diagnose und kein bewusst gewähltes Verhalten. Es ist ein Symptom von Borderline, das aus starken Bindungsbeduerfnissen, Verlustangst und einem sehr sensiblen Nervensystem entsteht. Das bedeutet, dass meine Favorite Person für mich emotional extrem wichtig wird. Diese Person gibt mir Halt, Sicherheit und das Gefühl, gesehen zu werden.
Gleichzeitig hängt mein eigenes Befinden sehr stark von dieser Person ab. Und zwar nicht nur davon, wie sie sich mir gegenüber verhält, sondern auch davon, wie es ihr selbst geht.
Emotionale Abhängigkeit und Spiegeln
Mit meiner Favorite Person spiegle ich extrem stark. Geht es dieser Person schlecht, geht es mir automatisch auch schlecht. Ist der Tonfall anders als sonst, denke ich sofort, dass etwas nicht stimmt oder dass ich etwas falsch gemacht habe. Ein komischer Blick oder eine kurze Antwort können in mir sofort Alarm auslösen.
Ich übernehme oft auch Gefühle, Meinungen und Haltungen. Findet meine Favorite Person etwas doof, finde ich es plötzlich auch doof. Findet sie etwas gut, ändere ich meine Meinung. Auch meine Sicht auf andere Menschen kann sich dadurch sehr schnell verändern. Mag ich jemanden und meine Favorite Person sagt etwas Negatives über diese Person, wird sie innerlich sofort schwarz. Andersrum funktioniert es genauso. Nicht immer, aber sehr oft.
Das passiert nicht aus Manipulation oder Absicht, sondern aus einer tiefen emotionalen Bindung heraus.
Besonders intensiv in einer Partnerschaft
Am intensivsten wird dieses Muster, wenn die Favorite Person gleichzeitig der Beziehungspartner ist. Bei mir ist das Kim. Kim ist für mich alles.
Sein Befinden beeinflusst meins enorm. Geht es ihm gut, fühle ich mich sicher. Geht es ihm schlecht, werde ich innerlich sofort unruhig. Sein Tonfall, seine Stimmung, seine Reaktionen, all das hat ein riesiges Gewicht für mich.
Am Anfang unserer Beziehung habe ich mich sehr stark in ihm verloren. Ich habe angefangen, ihn zu spiegeln, seine Gewohnheiten, seine Sprache, seinen Humor, seine Eigenarten, seine Einstellung, seine Sichtweisen. Manches davon war gut, manches nicht gut für mich. Ich wurde außerdem sehr besitzergreifend, aus Angst, ihn zu verlieren.
Wenn er ohne mich weggeht und sich nicht meldet, fühlt sich das für mich wie die Hölle an. Wenn ich ihm schreibe, während er arbeitet, und er nicht antwortet, weil er keine Zeit hat, denke ich manchmal sofort, dass ich ihn nicht interessiere oder dass er mich ignoriert. Wenn wir Streit haben, denke ich sehr schnell, jetzt verlässt er mich bestimmt.
Dieses Jahr reist er zwei Wochen alleine nach Japan. Ich habe ihm selbst gesagt, dass er das machen soll, weil Japan nichts für mich ist. Und trotzdem dreht mein Inneres jetzt schon komplett durch bei dem Gedanken, dass er ohne mich so weit weg ist.
Für mich als betroffene Person ist es extrem kräftezehrend, von meiner Favorit Person abhängig zu sein.
Für Kim ist es oft überfordernd. Denn niemand kann oder muss dauerhaft für die emotionale Regulation eines anderen Menschen verantwortlich sein. Das führt leider häufig zu Schuldgefühlen, Konflikten oder Rückzug auf beiden Seiten.

Idealisierung der Favorite Person
Was ebenfalls ganz stark dazugehört, ist die komplette Idealisierung der Favorite Person. Zumindest war das bei mir am Anfang extrem. Was Kim dachte, war richtig. Was er tat, war gut. Seine Sicht auf Dinge wurde automatisch zu meiner. Kritik an ihm konnte ich kaum ertragen.
Wer etwas gegen Kim gesagt hat, wurde innerlich sofort zur Gefahr. Teilweise habe ich Menschen aus meinem Leben gestrichen oder bin richtig wütend geworden, wenn jemand schlecht über ihn gesprochen hat. Nichts und niemand durfte sich zwischen uns stellen. Ich habe ihn verteidigt, egal was war.
In meiner Wahrnehmung gab es nur noch schwarz oder weiss. Kim war gut. Alles, was ihn infrage stellte, war falsch. Diese Idealisierung fühlte sich nicht bewusst an, sondern absolut logisch und notwendig. Als müsste ich ihn beschützen, um uns zu schützen.
Erst viel später habe ich verstanden, dass diese starke Idealisierung kein Zeichen von besonderer Liebe ist, sondern Teil der Favorite Person Dynamik. Ein Versuch, Sicherheit zu schaffen, indem ich einen Menschen innerlich über alles andere stelle.
Warum ist das so?
Diese starke Fixierung ist kein Zeichen dafür, dass ich zu viel bin oder kontrollieren will. Sie entsteht aus tiefen Ängsten, aus Verlustangst und aus einem Nervensystem, das ständig auf Bindung und Gefahr eingestellt ist.
Die Favorite Person wird unbewusst zu meinem emotionalen Anker. Mein inneres Gleichgewicht liegt dann fast komplett im Außen. Und genau das macht so verletzlich.
Ein wichtiger Punkt für mich
Eine Favorite Person zu haben bedeutet nicht, dass ich toxisch oder falsch bin. Es bedeutet, dass ich sehr intensiv fühle, sehr stark binde und sehr sensibel auf Beziehung reagiere. Das ist ein Schutzmechanismus, kein Charakterfehler.
Ich habe mittlerweile gelernt, dieses Muster besser zu erkennen. Nicht perfekt und nicht immer, aber bewusster. Allein dieses Bewusstsein macht einen Unterschied.
Wie ich heute versuche, mit meiner Favorite Person umzugehen und wie ich die Beziehung schützen möchte, darauf gehe ich in einem eigenen Beitrag noch genauer ein.
Zum Schluss
Die Favorite Person ist kein Beweis dafür, dass wir zu viel sind. Sie zeigt, wie sehr wir nach Sicherheit, Verbindung und Halt suchen.
Und das ist zutiefst menschlich.
Ich hoffe, ich konnte Euch mit diesem Beitrag einen Einblick in das Thema Favorite Person geben und ein bisschen Verständnis schaffen, für Euch selbst oder für jemanden, der Euch nahesteht. Ich wünsche Euch einen schönen Tag




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