
Disziplin als Selbstverletzung – wenn Kontrolle zur Bestrafung wird
- Stefanie Garmatter
- 18. Feb.
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 19. Feb.
Triggerhinweis:
In diesem Beitrag schreibe ich offen über Essstörung, Binge Episoden, Erbrechen, Selbstverletzung und zwanghafte Kontrolle. Bitte achte gut auf dich und lies nur weiter, wenn du dich emotional stabil fühlst.
Hallo ihr Lieben ❤️
Von aussen sieht es nach Disziplin aus. Nach Selbstkontrolle. Nach Stärke.
Nach einer Frau, die ihr Leben im Griff hat.
Und wenn ich ehrlich bin, fühlt es sich für mich oft genauso an.
Ich verzichte. Ich halte durch. Ich kontrolliere. Ich leiste.
Und in all dem liegt etwas, das sich richtig anfühlt. Sicher. Stark. Überlegen.
Aber unter dieser Disziplin liegt etwas anderes.
Ein permanenter Druck. Ein inneres Antreiben. Ein Gefühl, nur dann legitim zu sein, wenn ich weniger brauche, weniger esse, mehr aushalte.
Es gibt keinen Zustand, in dem ich einfach nur sein darf. Nur Zustände, in denen ich gut genug bin oder nicht.
Und obwohl ich merke, wie viel Raum das einnimmt, fühlt es sich nicht wie ein Problem an.
Es fühlt sich an wie Notwendigkeit. Wie Überlebensstrategie. Wie etwas, das ich brauche, um nicht komplett auseinanderzufallen. Es ist für mich zur Normalität geworden.
Vielleicht genau deshalb schreibe ich diesen Beitrag.
Nicht, weil ich sicher bin, dass es falsch ist. Sondern weil ich langsam ahne, dass Disziplin in meinem Fall mehr ist als Ehrgeiz.
Und genau darüber möchte ich heute schreiben. Über Disziplin, die sich wie Stärke anfühlt, aber in Wahrheit Bestrafung ist.
Über Kontrolle, die Sicherheit verspricht und gleichzeitig Druck erzeugt.
Und darüber, wie Selbstverletzung manchmal nicht wie Selbstverletzung aussieht.
Die Waage ist mein tägliches Tribunal
Mein Tag beginnt nicht mit einem Glas Wasser. Er beginnt mit Kontrolle.
Ich habe Durst, aber ich trinke nicht.
Ich gehe zuerst auf Toilette. Danach auf die Waage. Erst wenn die Zahl da ist, darf ich trinken. Wenn ich vorher trinken würde, könnte die Anzeige verfälscht sein. Und ich brauche diese Zahl. Ich brauche sie sauber. Nüchtern. Wahr.
Ich gehe nicht einmal am Tag auf die Waage. Ich gehe nach jedem Toilettengang.
Manchmal drei oder vier Mal, bevor ich überhaupt etwas gegessen habe. Manchmal sechs Mal am Tag. Jedes Mal, wenn ich auf dem Klo war, muss ich wissen, was die Zahl sagt.
Ich weiss, dass Gewicht schwankt. Ich weiss es wirklich. Wasser, Verdauung, Tageszeit. Das ist mir rational klar. Aber wenn ich auf dieser Waage stehe, ist nichts rational. Mein System behandelt jede Schwankung wie Wahrheit. Wie eine moralische Aussage über mich.
Es ist jedes Mal ein neuer Test. Ein neues Urteil. Ein neues Bestehen oder Durchfallen.
Sie entscheidet, ob ich gut bin oder versagt habe.
Ob ich früh essen darf oder warten muss.
Ob ich mir etwas leisten darf oder nicht.
Bevor ich esse, brauche ich diese Zahl. Manchmal brauche ich sie mehrfach. Als müsste ich mir das Essen verdienen. Als müsste ich erst beweisen, dass ich gut genug bin und diszipliniert genug war.
Nach dem Essen genauso. War ich auf der Toilette, gehe ich wieder drauf. Ich kontrolliere, ob ich noch „im Rahmen“ bin. Ob ich es noch im Griff habe.
Es ist kein Wiegen mehr. Es ist Überprüfung, Kontrolle, Absicherung.
Und jedes Mal beginnt die Bewertung neu.
Ist es weniger?
Ist es mehr?
Habe ich genug „rausgeholt“?
Darf ich jetzt essen?
Muss ich länger warten?
War ich stark genug?
Und jedes Mal entscheidet diese Zahl über meinen inneren Zustand.
Ist sie niedriger, fühle ich Erleichterung. Fast Stolz. Ist sie höher, kippt alles.
Dann beginnt das Rechnen. Weniger essen, Kalorien sparen, später essen. Mehr laufen, mehr aushalten.
Es hört nicht auf. Es ist kein einmaliger Kontrollblick.
Es ist ein Kreislauf.
Wenn die Waage schwankt, schwankt mein Selbstwert.
Es geht nicht um Gewicht. Es geht um Wert.
Warum ich nicht einfach aufhöre
Von aussen wirkt es vielleicht absurd. Warum nicht einfach nur morgens wiegen? Oder gar nicht?
Weil jedes Wiegen mir für einen kurzen Moment Sicherheit gibt.
Wenn die Zahl „passt“, beruhigt sich etwas in mir. Wenn sie nicht passt, weiß ich wenigstens, woran ich bin. Dann kann ich reagieren, gegensteuern, mich korrigieren.
Diese kurzfristige Erleichterung ist das Problem. Sie verstärkt das Verhalten.
Diese paar Sekunden Klarheit fühlen sich wie Kontrolle an.
Und mein System liebt Kontrolle.
Angst fühlt sich diffus an. Unsicherheit fühlt sich bedrohlich an. Aber eine Zahl ist konkret.
Mein Gehirn lernt:
Kontrollieren beruhigt.
Überprüfen gibt Sicherheit.
Zahl sehen reduziert Angst.
Also kontrolliere ich wieder.
Und wieder.
Und wieder.
Jeder Toilettengang wird automatisch mit Wiegen verknüpft.
Es ist kein bewusster Entschluss mehr. Es ist ein Zwang.
Jedes Wiegen nimmt mir kurzfristig Spannung. Und genau dadurch macht es mich abhängig.
Ich wiege mich nicht, weil ich es will. Ich wiege mich, weil mein Nervensystem gelernt hat, dass Kontrolle beruhigt.
Und je öfter ich kontrolliere, desto sensibler reagiere ich auf jede minimale Schwankung. Die Schwankung wird nicht relativiert, sie wird dramatisiert.
So entsteht ein Kreislauf:
Unsicherheit
Kontrolle
Kurzfristige Erleichterung
Neue Unsicherheit
Was von aussen irrational wirkt, ist für mein Nervensystem ein Sicherheitsritual.
Auch wenn es mich gleichzeitig zerstört.
Hunger als Strafe, Kontrolle als Macht
Ich esse meistens nicht vor zwölf Uhr. Oft später.
Nicht, weil ich keinen Hunger habe. Sondern weil ich ihn aushalte.
Hunger fühlt sich stark an. Er fühlt sich an wie Beweis. Wie Selbstkontrolle.
Manchmal warte ich extra länger, wenn ich mich bestrafen will. Wenn ich das Gefühl habe, nicht genug geleistet zu haben, oder wenn ich mich spüren will.
Der leere Magen wird zu einer Art innerem Beweis: Siehst du, du kannst verzichten. Du kannst dich beherrschen. Oder er wird zur Bestrafung, ein bewusst gewähltes Leiden, um mich zu spüren.
Dasselbe passiert mit meiner Blase.
Ich halte den Druck aus. Das Ziehen. Den Schmerz. Ich könnte gehen. Aber ich warte.
Es fühlt sich an wie Macht über meinen eigenen Körper. Wie eine kleine Strafe, die ich mir selbst auferlege.
Und in diesem Schmerz liegt paradoxerweise Ruhe.
Weil er konkret ist. Weil er spürbar ist. Weil er kontrollierbar ist.
Das ist auch eine Art von Selbstverletzung ohne das man sie sehen kann, weil es gezielt passiert, um Spannung abzubauen und mich wieder zu spüren.
Leistung ist mein Massstab für Existenz
Es reicht nicht, einfach zu leben.
Ich muss Schritte sammeln. Kilometer gehen. Trainingsminuten vorweisen. Aktivitätskalorien verbrennen.
Ich will unter meinem Kalorienziel bleiben. Ich muss beweisen, dass ich stärker bin als mein Hunger, stärker als mein Körper, stärker als mein inneres Chaos.
Wenn ich deutlich im Defizit bin, fühlt es sich an wie moralische Überlegenheit. Wie: Siehst du, du kannst es doch. Du bist nicht komplett falsch.
Wenn ich wenig esse, fühlt es sich richtig an, gut an, dann fühle ich mich stolz, bestätigt.
Wenn ich 50 kcal drüber bin, kippt alles. Dann bin ich schwach, unkontrolliert, undiszipliniert. Dann passt das nicht mehr zu dem Bild, das ich von mir haben will.
Es ist nie nur Essen. Es ist immer ein Urteil über meinen Charakter.
Ich habe mir ein System gebaut, in dem mein Wert täglich neu verhandelt wird. Und die Währung heisst Leistung.
Ohne Leistung fühle ich mich überflüssig. Ohne Disziplin fühle ich mich wertlos.

Struktur ist mein Sicherheitsnetz
Wenn etwas von der Struktur abweicht, gerät mein Inneres in Alarm.
Ich brauche jeden Tag mindestens eine Karotte. Meistens zwei. Wenn samstags nur noch zwei da sind und der nächste Einkauf nicht gesichert ist, bricht in mir Panik aus. Es entsteht ein Riss im System.
Wenn in der Aufschnittpackung 19 statt 20 Scheiben sind, ist das ein Problem. Es sind nicht einfach Zahlen. Es ist Unordnung. Es ist Unberechenbarkeit. Es ist Kontrollverlust.
Denn morgens sind es immer zehn Scheiben auf meinem Brot. Nicht acht. Nicht neun. Zehn.
Ich klammere mich an Wiederholung, weil Wiederholung Sicherheit bedeutet. Jeder feste Ablauf, jede feste Menge, jede exakte Zahl ist wie ein Geländer.
Wenn dieses Geländer wackelt, wackelt mein innerer Boden. Abweichungen lösen Panik aus.
Nicht tracken fühlt sich an wie Blindflug. Wie in einem dunklen Raum stehen und nicht wissen, wo die Wände sind.
Wenn Kim kocht und nicht alles exakt aufschreibt, entsteht innerer Konflikt.
Wenn ich Kalorien nicht exakt tracken kann, fühlt es sich falsch an. Unvollständig. Gefährlich.
70 kcal Unterschied sind kein Detail. Sie sind das Gefühl, dass die Bilanz am Ende falsch sein könnte. Dass ich mich selbst belogen habe. Dass ich die Kontrolle verloren habe.
Und Kontrollverlust ist für mein System keine Kleinigkeit. Er ist Bedrohung.
Selbstverletzung ohne sichtbare Narben
Bis hierhin könnte man noch von Kontrolle sprechen. Von Disziplin, die zu weit geht. Von Zwang.
Aber es gibt Momente, in denen diese Kontrolle kippt.
Momente, in denen aus Disziplin Eskalation wird. Und aus Eskalation Selbstbestrafung.
Ich habe es lange nicht wirklich ausgesprochen. Weil es schwerer wiegt. Weil es schwerer zu rechtfertigen ist. Weil es öfters vorkommt als ich es zugebe.
Ich rede nicht nur von Gedanken. Nicht nur von innerem Druck. Sondern von Verhalten. Ich rede von Binge und Erbrechen. Das ist für mich nicht nur Fantasie. Nicht nur ein Drang, der irgendwo im Hintergrund bleibt.
Manchmal tue ich es.
Nicht mehr so oft wie früher. Aber manchmal.
Wenn ich alleine bin. Wenn niemand es merkt. Wenn ich das Gefühl habe, komplett die Kontrolle verloren zu haben.
Wenn ich gebinged habe und diesen Moment nicht akzeptieren kann. Wenn ich nicht aushalte, dass ich „versagt“ habe. Dass ich die Struktur gebrochen habe. Dass ich nicht stark genug war.
Dann kommt dieser innere Impuls: Korrigiere es. Mach es rückgängig. Bestrafe dich.
Und ich erbreche.
Es fühlt sich in dem Moment an wie Wiederherstellung von Kontrolle. Wie Ausradieren eines Fehlers. Wie eine heimliche Strafe, die ich mir selbst gebe.
Manchmal ist der Drang auch da, obwohl ich gar nicht gebinged habe. Nur weil ich gegessen habe. Weil es sich innerlich „zu viel“ anfühlt. Weil ich es nicht mit meinem Bild von Disziplin vereinbaren kann.
Meistens tue ich es dann nur nicht, weil ich nicht alleine bin. Weil ich weiss, dass es nicht gut ist. Weil ich rational verstehe, was ich meinem Körper damit antue.
Aber der Gedanke ist da. Die Möglichkeit wäre auch oft da.
Und das ist das Erschreckende.
Es ist Selbstverletzung, die niemand sieht. Kein Schnitt. Kein Blut auf der Haut.
Aber innen ist es Gewalt.
Gewalt gegen meinen Körper. Gewalt gegen mein Fehler machen dürfen. Gewalt gegen mein Menschsein.
Und oft fühlt es sich nicht mal wie Zerstörung an. Sondern wie Disziplin. Wie Kontrolle.
Der Körper als Bühne
Mein Körper ist nicht nur mein Körper.
Er ist Projekt. Beweis. Schlachtfeld.
An meinem Kinn wachsen manchmal dunkle Härchen.
Wenn ich die Härchen am Kinn sehe, sind sie nicht einfach Haare. Sie sind ein Makel. Ein Fehler. Ein Beweis, dass ich nicht perfekt bin.
Ich reisse sie aus, einzeln. Der Schmerz ist scharf, klar, eindeutig.
Und in diesem Schmerz liegt etwas Befriedigendes. Weil er konkret ist.
Wenn sich eine Stelle entzündet, kratze ich sie auf. Wenn sie heilt, reisse ich sie wieder auf.
Blutet es, tut es weh, fühlt es sich beruhigend an.
Schmerz macht mich spürbar. Schmerz fühlt sich verdient an.
Je mehr innerer Druck da ist, desto mehr suche ich diese Punkte.
Mein Körper wird zum Ventil. Zum Ort, an dem ich das auslebe, was ich innerlich nicht regulieren kann.
Vielleicht ist das keine Stärke
Für mich fühlt sich das nicht wie ein Problem an.
Disziplin wird gelobt.
Abnehmen wird gefeiert.
Kontrolle wird bewundert.
Und das ist die einzige Anerkennung, die ich bekomme.
Niemand sieht, dass ich innerlich jeden Tag durch Prüfungen gehe.
Niemand sieht, dass ich mich nur dann ruhig fühle, wenn ich mich eingeschränkt habe.
Wenn ich verzichtet habe. Wenn ich mich zusammengerissen habe.
Niemand sieht, dass ich mich in Wirklichkeit innerlich zerstöre und es sich für mich trotzdem völlig legitim anfühlt. Weil ich nur so messbar bin. Weil ich nur so beweisen kann, dass ich etwas wert bin. Weil es das Einzige ist, worin ich mich noch beweisen kann. Wofür ich Anerkennung bekomme.
Vielleicht ist es keine Stärke, wenn ich nur dann stolz bin, wenn ich mich bestrafe.
Vielleicht ist es kein Erfolg, wenn mein Wert jeden Tag an einer Zahl hängt.
Vielleicht ist es kein gesunder Ehrgeiz, wenn mein Körper zur Bühne für meinen inneren Kampf wird.
Vielleicht ist es ein System, das aus Angst entstanden ist. Aus dem Gefühl, nicht genug zu sein. Zu viel zu sein. Falsch zu sein.
Und vielleicht ist diese Disziplin keine Selbstkontrolle. Sondern Selbstverletzung im Kostüm von Leistung.
Aber für mich fühlt es sich nach Sicherheit an, nach allem was ich noch zu bieten habe...
Ich schreibe das nicht, um Mitleid zu bekommen. Sondern um ehrlich zu sein.
Nicht jede Selbstverletzung blutet nach aussen. Manche sieht aus wie Ehrgeiz. Wie Disziplin. Wie Zielstrebigkeit.
Und genau deshalb ist sie so schwer zu erkennen.
Ich hoffe, ich konnte euch einen ehrlichen Einblick geben, wie Kontrolle zur Bestrafung werden kann und wie schmal die Grenze zwischen Disziplin und Selbstverletzung manchmal ist.
Ich wünsche euch noch einen schönen Tag und passt auf euch auf! ❤️
Falls dich dieser Beitrag stark berührt oder triggert, bitte sprich mit jemandem darüber. Mit einer vertrauten Person oder mit professioneller Unterstützung. Du musst solche Muster nicht alleine tragen.




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