
Wenn Familie sich nicht nach Zugehörigkeit anfühlt - Zwischen Sehnsucht, Schuld und dem Wunsch, gesehen zu werden
Hallo Ihr Lieben ❤️
Familie ist für viele Menschen ein Ort der Zugehörigkeit. Ein Ort, an dem sie nicht erklären müssen, weshalb sie so sind, wie sie sind. Ein Ort, an dem sie sich sicher, angenommen und verbunden fühlen.
Für mich ist Familie sehr viel komplizierter.
Ich sehne mich nach Familie. Nach Nähe, Interesse, Verständnis und Halt. Nach dem Gefühl, irgendwo wirklich dazuzugehören. Gleichzeitig gibt es familiäre Beziehungen, die mir wehtun, mich überfordern oder vor denen ich mich schützen muss. Das klingt vielleicht widersprüchlich. Aber genau dieser Widerspruch begleitet mich schon lange.
Ich kann mir Nähe wünschen und trotzdem Abstand brauchen. Ich kann einen Menschen lieben und trotzdem unter der Beziehung zu ihm leiden. Ich kann dankbar für Hilfe sein und mich gleichzeitig emotional alleingelassen fühlen. Ich kann eine Grenze ziehen und trotzdem Schuldgefühle haben.
Dieser Beitrag soll keine Abrechnung mit meiner Familie werden. Ich möchte niemanden blossstellen und ich kann nicht wissen, was andere Menschen denken, fühlen oder mit ihrem Verhalten beabsichtigen. Ich kann nur darüber schreiben, wie ich unsere Beziehungen erlebe und was dieses Erleben in mir auslöst. Es geht deshalb nicht darum, wer recht hat oder wer schuld ist. Es geht darum, wie es sich anfühlt, wenn Familie gleichzeitig etwas ist, wonach ich mich sehne und wovor ich mich manchmal schützen muss.
Wenn Familie und Verwandtschaft nicht automatisch Nähe und Zugehörigkeit bedeuten
Mit einem Menschen verwandt zu sein, bedeutet nicht automatisch, ihm emotional nahezustehen.
Eigentlich klingt das selbstverständlich. Trotzdem habe ich oft das Gefühl, dass bei Familie andere Regeln gelten sollen. Als müsste allein die biologische Verwandtschaft genügen, um Nähe, Verbundenheit und Zugehörigkeit entstehen zu lassen.
Aber Nähe entsteht für mich nicht allein dadurch, dass wir denselben Nachnamen tragen oder miteinander verwandt sind. Sie entsteht durch Interesse, Vertrauen, gemeinsame Erfahrungen, gegenseitige Unterstützung und das Gefühl, als Mensch gesehen zu werden. Genau dieses Gefühl fehlt mir innerhalb meiner Familie häufig.
Ich habe wenig Kontakt zu meiner Familie und fühle mich oft nicht wirklich als Teil von ihr. Gleichzeitig wünsche ich mir genau das. Ich wünsche mir nicht einfach irgendwelche Kontakte, weil man sie innerhalb einer Familie eben haben sollte. Ich wünsche mir Beziehungen, in denen ich spüre, dass ich wichtig bin. Ich möchte nicht nur auf einer Liste von Familienmitgliedern stehen. Ich möchte mich zugehörig fühlen.
Der Kontaktabbruch zu meiner Mutter
Zu meiner Mutter habe ich aufgrund meiner Vergangenheit mit ihr keinen Kontakt mehr. Die Beziehung zu ihr hat über lange Zeit sehr negative Gefühle in mir ausgelöst. Irgendwann kam ich an einen Punkt, an dem ich den Kontakt abbrechen musste, um mich selbst zu schützen. Diese Entscheidung ist mir nicht leichtgefallen. Und nur weil ich diese Grenze gezogen habe, bedeutet das nicht, dass das Thema für mich abgeschlossen ist. Es gibt Tage, an denen ich weiss, weshalb ich diesen Kontakt nicht mehr möchte. Ich erinnere mich daran, wie ich mich in dieser Beziehung gefühlt habe, wie viel Kraft sie mich gekostet hat und weshalb ich irgendwann nicht mehr konnte.
Und dann gibt es Tage, an denen Gedanken auftauchen wie:
„Bin ich eine schlechte Tochter, weil ich keinen Kontakt zu meiner Mutter habe?“
„Bin ich undankbar?“
„Hätte ich mehr aushalten müssen?“
„Hätte ich noch etwas versuchen sollen?“
„Sollte ich mich wieder melden und versuchen, den Kontakt wieder aufzunehmen?“
Aus einer Grenze, die ich zu meinem Schutz gezogen habe, wird in meinem Kopf sehr schnell ein moralisches Urteil über mich selbst. Ich denke dann nicht mehr nur: „Dieser Kontakt tut mir nicht gut.“
Ich denke: „Mit mir stimmt etwas nicht, weil ich diesen Kontakt nicht schaffe.“
Dabei habe ich lange sehr viel für meine Mutter getan. Ich habe nicht beim ersten schwierigen Moment aufgegeben. Trotzdem fühlt sich der Kontaktabbruch in mir manchmal an wie ein Beweis dafür, dass ich als Tochter versagt habe. Das ist etwas, das ich noch nicht wirklich verstanden habe: Eine Grenze kann notwendig sein und trotzdem wehtun. Sie kann richtig für mich sein und trotzdem Schuld, Trauer und Zweifel auslösen.
Manchmal trauere ich dabei nicht nur um die Beziehung, die ich verloren habe. Ich trauere auch um die Beziehung, die ich mir gewünscht hätte.
Die Sehnsucht nach Halt bei meinem Vater
Zu meinem Vater habe ich Kontakt. Ich versuche auch aktiv, diesen Kontakt aufrechtzuerhalten. Gerade wenn ich Probleme habe oder Unterstützung brauche, wende ich mich an ihn. Dahinter steckt eine grosse Sehnsucht nach Halt. Der Wunsch, mit etwas nicht allein sein zu müssen und einen Vater zu haben, zu dem ich gehen kann, wenn das Leben gerade zu schwer wird.
Es gab und gibt Situationen, in denen mein Vater mir sehr geholfen hat. Das möchte ich nicht verschweigen. Ausserdem melde ich mich nicht nur bei ihm, wenn ich etwas brauche. Unsere Beziehung ist nicht ausschliesslich negativ und ich möchte sie auch nicht so darstellen.
Gleichzeitig erlebe ich Gespräche über Gefühle und zwischenmenschliche Probleme häufig als schwierig. Nach solchen Gesprächen bleibt bei mir oftmals das Gefühl zurück: „Ich bin falsch.“
Manchmal kommen bei mir sinngemäss Aussagen an wie: „Sorry, dabei kann ich dir nicht helfen.“ Oder: „Das ist nicht mein Problem.“
Vielleicht sind diese Aussagen anders gemeint, als sie bei mir ankommen. Vielleicht fühlt mein Vater sich hilflos oder weiss nicht, wie er mit meinen Gefühlen umgehen soll. Ich kann nicht wissen, was in ihm vorgeht. Ich weiss nur, was solche Momente in mir auslösen.
Wenn ich mich mit etwas Verletzlichem an ihn wende und danach das Gefühl habe, mit meinen Gefühlen allein zu sein, trifft mich das tief. Nicht nur wegen des konkreten Problems, über das wir gesprochen haben, sondern weil sich darin für mich immer wieder dieselbe Frage versteckt: „Bin ich mit dem, was ich fühle, überhaupt willkommen?“
Ich habe ausserdem häufig das Gefühl, dass mein Vater sich von Dingen, die ich sage, schnell angegriffen fühlt oder meine Worte negativer versteht, als ich sie gemeint habe. Selbst wenn ich etwas scherzhaft sage, kann es passieren, dass es anders ankommt. Dadurch werde ich unsicher.
Ich beginne darüber nachzudenken, ob er vielleicht grundsätzlich ein negativeres Bild von mir hat, als ich es mir wünsche. Ob er mich schwierig findet. Ob er mich wirklich okay findet, so wie ich bin. Er hat einmal zu mir gesagt, ich sei wie meine Mutter. Ich weiss nicht, ob er tatsächlich so über mich denkt. Aber die Angst davor ist da.
Mein Bruder und das Gefühl unterschiedlicher Massstäbe
Zu meinem Bruder habe ich ebenfalls wenig Kontakt. In den meisten Fällen muss der Kontakt von mir ausgehen. Er meldet sich von sich aus kaum bei mir und hat teilweise häufiger Kontakt zu meinem Partner Kim als zu mir. Es tut weh, weil es mir zeigt, dass Kontakt offenbar möglich ist, er aber trotzdem nur selten den Kontakt zu mir sucht.
Auch innerhalb unserer Familie erlebe ich manchmal unterschiedliche Massstäbe. Ich habe häufig das Gefühl, dass mein Bruder Dinge sagen kann, die bei ihm akzeptiert werden, während ähnliche Aussagen bei mir schneller negativ ausgelegt werden. Für mich fühlt es sich manchmal an, als sei mein Bruder innerhalb der Familie „der Heilige“, während ich viel schneller als schwierig, anstrengend oder falsch wahrgenommen werde.
Auch das ist mein subjektives Erleben. Ich behaupte nicht, dass meine Familie bewusst entschieden hat, uns unterschiedlich zu behandeln. Vielleicht würde mein Bruder dieselben Situationen völlig anders beschreiben. Trotzdem verändert das nichts daran, wie es sich für mich anfühlt. Es lässt in mir das Gefühl entstehen, dass ich mich stärker kontrollieren muss. Dass bei mir schneller etwas falsch ankommt. Dass ich weniger Spielraum habe, einfach ich selbst zu sein.
Wenn Kontakt immer von mir ausgehen muss
Kommunikation und Interesse funktionieren für mich in beide Richtungen. Natürlich kann ich mich melden. Ich kann nachfragen, vorbeikommen und Interesse zeigen. Aber ich möchte nicht ständig diejenige sein müssen, von der alles ausgeht. Ich möchte auch öfter erleben, dass jemand von selbst an mich denkt.
Ein Beispiel, das sich tief in mir festgesetzt hat, ist meine Zeit in der Klinik. Ich war sechs Monate dort. Mein Vater hat mich in dieser Zeit einmal besucht. Mein Bruder hat mich kein einziges Mal besucht und sich nicht einmal bei mir gemeldet. Gleichzeitig kam bei mir die Botschaft an, dass ich selbst auf andere Menschen zukommen müsse, wenn ich Besuch oder Kontakt möchte. Man wollte mich in Ruhe lassen. Das war allerdings nicht nur bei meiner Familie so.
Natürlich hätte auch ich mich melden können. Natürlich besteht eine Beziehung nicht nur aus dem, was die andere Person tut. Aber nach sechs Monaten in einer Klinik bleibt bei mir trotzdem die Frage zurück: „Warum musste selbst in dieser Situation die Initiative von mir ausgehen?“ Daraus entstehen weitere Fragen:
„Wenn ich mich nicht melde, würde sich dann überhaupt jemand nach mir erkundigen?“
„Würde jemand von sich aus fragen, wie es mir geht?“
„Würde jemand bemerken, wenn ich immer stiller werde?“
„Bin ich wichtig genug, dass jemand von selbst an mich denkt?“
Es geht mir nicht darum, dass sich meine Familie ständig bei mir melden oder täglich nach meinem Befinden fragen muss. Ich erwarte keine permanente Aufmerksamkeit. Ich wünsche mir, nicht immer erst ein Zeichen senden zu müssen, bevor jemand bemerkt, dass ich da bin. Ich wünsche mir, dass die Verantwortung für den Kontakt nicht immer nur bei mir liegt. Auch das ist nicht nur etwas, was ich mir von meiner Familie wünsche.
Wenn sich niemand wirklich für mein Leben zu interessieren scheint
Ich wünsche mir nicht nur, dass jemand fragt, ob es mir gut geht. Ich wünsche mir echtes Interesse daran, wie mein Leben aussieht.
Was beschäftigt mich? Was ist mir wichtig? Wofür interessiere ich mich? Was macht mir Freude? Was kostet mich Kraft? Wie wirken sich meine psychischen Erkrankungen auf meinen Alltag aus?
Was bedeutet mein Blog „Brunhilde und ich“ für mich? Warum investiere ich so viel Zeit und Energie in diese Texte?
Mein Blog ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Ich schreibe hier über Dinge, die sehr tief in mir liegen. Ich versuche, psychische Erkrankungen verständlicher zu machen, Vorurteile abzubauen und anderen Menschen das Gefühl zu geben, mit ihrem Erleben nicht allein zu sein.
Wenn sich kaum jemand aus meiner Familie und meinem engsten Umfeld dafür interessiert, fühlt es sich für mich an, als würde sich auch niemand wirklich für einen wichtigen Teil von mir interessieren. Da stelle ich mir oft die Frage: Wie wichtig bin ich denn wirklich, wenn nicht einmal meine Familie, meine Freunde und oftmals nicht einmal mein Partner meine Texte lesen? Oder bin ich in meinem Denken einfach zu egoistisch und erwarte zu viel?
Ähnlich erlebe ich es mit meinen Erkrankungen. Sowohl in meiner Beziehung als auch in meiner Familie und meinem Umfeld habe ich selten das Gefühl, dass der Wunsch da ist, sich mit BPS oder kPTBS auseinanderzusetzen und zu verstehen, was diese Erkrankungen in meinem Leben bedeuten.
Manchmal fühlt es sich für mich deshalb so an, als würde die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen nicht erst ausserhalb meiner Familie beginnen.
Ich weiss nicht, was meine Familienmitglieder über meine Erkrankungen denken. Ich weiss auch nicht, weshalb sie nicht häufiger nachfragen oder sich näher damit beschäftigen. Ich weiss nur, dass bei mir dadurch das Gefühl entsteht: „Das, was mein Leben jeden Tag beeinflusst, ist für die Menschen, die mir nahestehen sollten, offenbar nicht wichtig genug, um es verstehen zu wollen.“
Und das macht mich einsam und verdammt traurig. Das ist oft auch ein Grund dafür, dass ich selbst aufhöre, nachzufragen und Interesse zu zeigen.
Wenn ich die Schuld bei mir selbst suche
Fehlenden Kontakt erlebe ich nicht einfach nur als fehlenden Kontakt. Wenn sich jemand nicht meldet, bleibt es in meinem Kopf selten bei der neutralen Feststellung: „Diese Person hat sich nicht gemeldet.“
Brunhilde macht sehr schnell etwas anderes daraus:
„Diese Person will nichts mit dir zu tun haben.“
„Du bist ihr nicht wichtig.“
„Sie meldet sich nicht, weil mit dir etwas nicht stimmt.“
„Niemand verbringt gerne Zeit mit dir.“
Dann beginne ich, die Ursache bei mir selbst zu suchen.
Vielleicht will einfach niemand Kontakt mit mir haben. Vielleicht bin ich selbst schuld daran. Vielleicht bin ich kein guter Mensch. Vielleicht ist es nicht angenehm, Zeit mit mir zu verbringen. Vielleicht bin ich zu anstrengend. Vielleicht melde ich mich selbst zu wenig. Vielleicht kann man mich einfach nicht gernhaben.
Diese Gedanken betreffen nicht nur meine Familie. Ich kenne sie auch aus Freundschaften und anderen Beziehungen.
Wenn mich Menschen nicht einladen, wenig Initiative zeigen oder sich längere Zeit nicht melden, hinterfrage ich nicht nur die jeweilige Beziehung. Ich hinterfrage mich als ganzen Menschen. Aus einem unbeantworteten Kontaktversuch wird ein Urteil über meinen Charakter. Aus einer fehlenden Einladung wird ein Beweis dafür, dass ich unerwünscht bin. Aus der Stille eines anderen Menschen wird in meinem Kopf eine Antwort auf die Frage, ob ich liebenswert bin.
Wenn die Angst vor Ablehnung selbst zu Rückzug führt
Gleichzeitig entsteht daraus ein Kreislauf, den ich nur schwer durchbrechen kann. Je stärker ich glaube, dass andere Menschen mich als anstrengend, unangenehm oder schwierig erleben, desto unsicherer werde ich im Kontakt mit ihnen. Irgendwann melde ich mich weniger. Ich ziehe mich zurück. Ich sage Treffen oder Veranstaltungen ab. Ich antworte nicht mehr. Ich zeige selbst weniger Interesse am Alltag und am Befinden der anderen Menschen. Teilweise breche ich Kontakte irgendwann ganz ab.
Auch wenn ich mich mit jemandem treffe oder bei meiner Familie bin, werde ich oft stiller. Nicht unbedingt, weil ich nichts zu sagen hätte. Sondern weil ich Angst davor habe, mich „falsch“ zu verhalten.
Ich beobachte mich dann selbst. War das gerade zu direkt? Habe ich zu viel erzählt? War ich zu emotional? Habe ich jemanden genervt? War mein Scherz unpassend? Habe ich wieder etwas gesagt, das negativ verstanden werden könnte?
Ich versuche, mich so stark zu kontrollieren, dass ich möglichst keinen Grund liefere, mich nicht dabeihaben zu wollen. Dadurch bin ich zwar körperlich anwesend, zeige aber immer weniger von mir selbst.
Ich habe Angst, dass niemand Kontakt mit mir möchte, weil ich falsch oder anstrengend bin. Deshalb ziehe ich mich zurück und melde mich weniger. Dadurch entsteht tatsächlich weniger Kontakt. Und dieser fehlende Kontakt fühlt sich anschliessend wie die Bestätigung dafür an, dass ich mit meiner Angst von Anfang an recht hatte.
Dabei möchte ich eines deutlich sagen: Dieser Kreislauf beweist nicht, dass alles nur an meiner Wahrnehmung liegt. Es kann Beziehungen geben, in denen von der anderen Seite tatsächlich wenig Initiative, Interesse oder Gegenseitigkeit kommt. Nicht jede erlebte Distanz ist eingebildet. Nicht jede Enttäuschung entsteht ausschliesslich durch meine Erkrankungen.
Gleichzeitig beeinflussen meine Angst vor Ablehnung und meine negative Sicht auf mich selbst, wie ich auf diese Erfahrungen reagiere. Sie können dazu führen, dass ich mich noch stärker zurückziehe und damit genau die Einsamkeit verstärke, unter der ich leide.
Das bedeutet nicht, dass ich selbst schuld bin. Es bedeutet, dass mehrere Dinge gleichzeitig wahr sein können.
Wenn ich glaube, mich verstecken zu müssen, damit Menschen bleiben
Hinter meinem Rückzug steckt eine noch tiefere Angst:
Vielleicht darf ich nicht vollständig ich selbst sein, wenn ich möchte, dass andere Menschen mich mögen. Vielleicht muss ich ruhiger sein. Weniger emotional. Weniger direkt. Weniger empfindlich. Weniger anstrengend. Weniger „ich“.
Ich versuche dann, nur diejenigen Teile von mir zu zeigen, von denen ich hoffe, dass sie niemanden stören. Ich mache mich kleiner, leiser und unauffälliger. Ich versuche oft, so zu tun, als wäre alles in Ordnung, auch wenn es eigentlich nicht so ist. Als würde ich gerade mit allem gut klarkommen, obwohl ich innerlich immer wieder kurz vor dem Zusammenbrechen bin und oftmals gar nicht so recht weiss, wie ich das alles schaffen soll.
Damit bekommt Zugehörigkeit etwas Widersprüchliches. Ich wünsche mir, dass Menschen mich sehen und wirklich kennenlernen. Gleichzeitig habe ich Angst davor, ihnen zu viel von mir zu zeigen. Denn irgendwo in mir lebt die Befürchtung, dass genau dieses echte Ich der Grund sein könnte, weshalb sie irgendwann nicht mehr bleiben wollen. So entsteht eine besonders schmerzhafte Form von Einsamkeit:
Ich wünsche mir, gesehen zu werden, und verstecke gleichzeitig immer mehr von mir, weil ich Angst habe, dass niemand bleiben würde, wenn er mich wirklich sieht.
Doch wenn ich nur dazugehören kann, solange ich mich selbst zurückhalte, fühlt sich auch diese Zugehörigkeit nicht sicher an. Dann bleibt immer die Frage:
„Würden diese Menschen auch noch bei mir sein, wenn ich wirklich ich selbst wäre?“
Familienfeste und die Erwartung, dazugehören zu müssen
Familienfeste sind für mich ein weiterer schwieriger Punkt. Von mir wird erwartet, dass ich bei bestimmten familiären Treffen dabei bin. Für mich bedeutet „Familie“ jedoch nicht automatisch emotionale Nähe. Teilweise treffe ich dort Verwandte, die ich vielleicht einmal im Jahr oder noch seltener sehe. Ausserhalb dieser Treffen besteht praktisch kein Kontakt. Wir wissen kaum etwas über das Leben der anderen und haben keine wirkliche Beziehung zueinander.
Und seit Jahren frage ich mich: „Warum muss ich mich einmal im Jahr mit Menschen treffen, mit denen ich sonst überhaupt keine Verbindung habe, nur weil wir miteinander verwandt sind?“
Für andere Menschen mögen solche Treffen schön und selbstverständlich sein. Für mich können sie sehr anstrengend sein. Soziale Situationen mit mehreren Menschen kosten mich ohnehin viel Kraft und überfordern mich emotional schnell, weil ich dabei sehr schnell in mein inneres Bewertungssystem gerate. Wenn mir die Menschen zusätzlich fremd sind und ich das Gefühl habe, eine bestimmte Rolle erfüllen zu müssen, wird die Belastung noch grösser.
Ich erlebe trotzdem die Erwartung, dabei sein zu müssen, unter anderem damit mein Vater gegenüber anderen Familienmitgliedern nicht erklären muss, weshalb ich nicht gekommen bin. Davon gehe ich zumindest aus, denn ich kann mir keinen anderen Grund dafür erklären, warum er jedes Jahr so vehement darauf besteht, dass ich dort erscheine. Auch hier wird aus einer persönlichen Grenze in meinem Kopf schnell eine moralische Frage.
Aus: „Dieses Familienfest ist mir zu viel.“ wird: „Ich bin egoistisch.“
Aus: „Ich fühle mich diesen Menschen nicht nah.“ wird: „Mit mir stimmt etwas nicht, weil sie doch meine Familie sind.“
Aus: „Ich möchte heute auf mich achten.“ wird: „Ich enttäusche alle.“
Dabei müsste eine Grenze nicht bedeuten, dass mir andere Menschen egal sind. Sie kann auch bedeuten, dass ich meine Belastungsgrenze ernst nehme.
Trotzdem fällt mir genau das schwer. Ich frage mich immer wieder: „Wann kann ich meine eigenen Grenzen ernst nehmen, auch wenn meine Familie sie vielleicht nicht versteht?“

„Andere hatten es doch auch schwer“
Wenn ich über meine Vergangenheit und meine Familie nachdenke, vergleiche ich mich häufig mit anderen Menschen. Ich höre, was sie mit ihren Eltern erlebt haben, und manches davon klingt sehr schlimm. Gleichzeitig sehe ich, dass diese Menschen heute scheinbar ihren Alltag bewältigen, arbeiten, Beziehungen führen und ihr Leben im Griff haben. In solchen Momenten beginne ich sofort, mich selbst zu verurteilen.
„Andere hatten es doch auch schwer.“
„Manche hatten es vielleicht sogar schlimmer als ich.“
„Warum bekommen sie ihr Leben hin und ich nicht?“
„Warum bin ich so kaputt?“
„Warum kriege ich nichts hin?“
„Bin ich einfach schwach?“
„Bin ich ein Versager?“
Ich leide dann nicht nur unter den Spuren meiner Vergangenheit. Ich verurteile mich zusätzlich dafür, dass diese Vergangenheit überhaupt solche Spuren bei mir hinterlassen hat. Als müsste ich beweisen können, dass das Erlebte „schlimm genug“ war, um meine heutigen Schwierigkeiten zu rechtfertigen. Aber Lebensgeschichten lassen sich nicht sinnvoll gegeneinander aufrechnen. Menschen erleben ähnliche Situationen nicht automatisch gleich. Sie bringen unterschiedliche Voraussetzungen, Erfahrungen, Belastungen und Möglichkeiten mit. Auch die Unterstützung, die jemand während oder nach schwierigen Erfahrungen erhält, kann eine Rolle spielen. Was für einen Menschen von aussen ähnlich aussieht, kann sich innerlich völlig anders auswirken. Dass ein anderer Mensch mit seiner Vergangenheit anders umgeht als ich, beweist deshalb nicht, dass er stärker ist und ich schwächer bin.
Trotzdem macht Brunhilde aus dem Gedanken „Andere kommen damit anders zurecht“ sehr schnell den Gedanken „Dann muss mit dir etwas falsch sein“. Dieser innere Sprung geschieht oft so schnell, dass ich ihn kaum bemerke. Plötzlich geht es nicht mehr darum, was ich erlebt habe oder was ich heute brauchen würde. Es geht nur noch darum, weshalb ich nicht besser funktioniere.
Vielleicht müsste ich mich viel öfter fragen: „Was hat mir gefehlt?“ Und nicht immer nur: „Was stimmt mit mir nicht?“
Was BPS und kPTBS damit zu tun haben können
Ich möchte nicht alles, was innerhalb meiner Familie passiert, mit meinen Erkrankungen erklären. Genauso wenig möchte ich meiner Familie pauschal die Verantwortung für meine BPS oder kPTBS zuschreiben. Familiäre Beziehungen sind komplex. Psychische Erkrankungen sind ebenfalls komplex. Es gibt selten nur eine einzige Ursache oder eine einfache Erklärung. Trotzdem treffen meine heutigen familiären Erfahrungen auf Bereiche, die bei mir ohnehin sehr empfindlich sind.
Dazu gehören mein Selbstwert, Scham und Schuld, die Angst vor Ablehnung, mein Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Schwierigkeiten in Beziehungen und das Gefühl, falsch oder zu viel zu sein.
Bei einer kPTBS können neben typischen Traumafolgen auch Schwierigkeiten bei der Regulation von Gefühlen, ein anhaltend negatives Selbstbild und Probleme in Beziehungen auftreten.
Bei einer BPS können unter anderem ein instabiles Selbstbild, intensive Gefühle und grosse Ängste vor Ablehnung oder Verlassenwerden eine Rolle spielen.
Nicht jeder Mensch erlebt diese Erkrankungen gleich und nicht jede Reaktion von mir lässt sich allein dadurch erklären. Bei mir führen diese empfindlichen Bereiche aber dazu, dass ein fehlender Anruf nicht zwangsläufig einfach nur ein fehlender Anruf bleibt. Brunhilde macht daraus:
„Du bist ihnen nicht wichtig.“
„Niemand interessiert sich für dich.“
„Du gehörst nicht dazu.“
„Mit dir stimmt etwas nicht.“
Diese Gedanken beweisen nicht, was meine Familie tatsächlich über mich denkt. Sie zeigen, was die Situation in mir auslöst. Gleichzeitig bedeuten meine Diagnosen nicht, dass meine Wahrnehmung grundsätzlich falsch ist. Auch mit BPS und kPTBS kann ich reale Distanz, fehlende Gegenseitigkeit oder verletzende Situationen erleben. Meine Erkrankungen können beeinflussen, wie intensiv mich etwas trifft und welche alten Wunden dadurch berührt werden. Sie machen meine Gefühle aber nicht automatisch bedeutungslos oder unwirklich.
Wenn aus jeder Grenze ein Urteil über mich wird
Ich merke immer wieder, wie schnell ich meine Bedürfnisse und Grenzen in eine moralische Selbstverurteilung verwandle.
Aus: „Ich möchte keinen Kontakt.“ wird: „Ich bin eine schlechte Tochter.“
Aus: „Ich brauche mehr Interesse und Gegenseitigkeit.“ wird: „Ich verlange zu viel.“
Aus: „Mich verletzt dieses Verhalten.“ wird: „Ich bin wahrscheinlich einfach zu empfindlich.“
Ich bewerte dann nicht mehr die Situation. Ich bewerte mich selbst.
Vielleicht liegt genau darin ein wichtiger Unterschied, den ich erst noch lernen muss. Ich darf feststellen, dass mir etwas wehtut, ohne daraus schliessen zu müssen, dass jemand ein schlechter Mensch ist. Ich darf eine Grenze ziehen, ohne mich selbst zu einem schlechten Menschen zu machen. Ich darf mir mehr Nähe wünschen, ohne damit automatisch zu viel zu verlangen. Ich darf dankbar für Unterstützung sein und trotzdem benennen, was mir fehlt. Ich darf widersprüchliche Gefühle haben, ohne mich sofort für eines davon entscheiden zu müssen.
Die Sehnsucht verschwindet trotz allem nicht
Manchmal wäre es vielleicht leichter, wenn mir meine Familie einfach egal wäre. Aber das ist sie nicht. Ich sehne mich nach Familie. Nach Zugehörigkeit. Nach Interesse. Nach emotionalem Halt. Nach Verständnis. Nach dem Gefühl, dass jemand von selbst an mich denkt. Nach dem Gefühl, als Tochter und Schwester wichtig zu sein. Genau deshalb tut Distanz überhaupt weh.
Ich kann keinen Kontakt zu meiner Mutter haben wollen und trotzdem Schuld oder Trauer empfinden. Ich kann enttäuscht von meinem Vater sein und mich trotzdem an ihn wenden, wenn ich Halt brauche. Ich kann mir mehr Kontakt zu meinem Bruder wünschen und gleichzeitig müde davon sein, immer wieder selbst die Initiative ergreifen zu müssen. Ich kann meine Familie vermissen, obwohl ich mich in ihrer Nähe nicht immer zugehörig fühle.
Vielleicht ist das eine der schmerzhaftesten Wahrheiten an solchen Beziehungen: Selbstschutz beendet nicht automatisch die Sehnsucht. Eine Grenze entfernt nicht das Bedürfnis, geliebt zu werden. Distanz löscht nicht die Hoffnung, doch noch gesehen zu werden.
Vielleicht geht es nicht darum, eine Schuldfrage zu beantworten
Ich weiss nicht, wie meine Familienmitglieder unsere Beziehungen erleben.
Vielleicht fühlen auch sie sich von mir zurückgewiesen. Vielleicht verstehen sie meinen Rückzug nicht. Vielleicht wissen sie nicht, was ich von ihnen brauche. Vielleicht erleben sie manche Situationen vollkommen anders als ich. Ich kann nicht in ihre Köpfe schauen. Deshalb möchte ich nicht behaupten, dass meine Wahrnehmung die einzige Wahrheit ist.
Aber sie ist mein Erleben. Und dieses Erleben darf ich ernst nehmen.
Vielleicht muss ich nicht endgültig beantworten, wer recht hat oder wer schuld ist. Vielleicht muss ich auch nicht beweisen, dass meine Gefühle berechtigt sind, indem ich jedes vergangene Ereignis vor einem inneren Gericht noch einmal untersuche. Vielleicht besteht ein Teil meines Weges nicht darin, endlich genau die Familie zu bekommen, nach der ich mich sehne.
Vielleicht besteht er darin, meine eigenen Gefühle und Grenzen ernst nehmen zu lernen, ohne mich dafür jedes Mal zu verurteilen. Das bedeutet nicht, dass die Sehnsucht verschwindet. Es bedeutet nicht, dass die Enttäuschung plötzlich nicht mehr wehtut. Und es bedeutet auch nicht, dass ich keine Hoffnung mehr auf Nähe haben darf.
Vielleicht bedeutet es zunächst nur, dass ich aufhöre, aus jedem fehlenden Kontakt einen Beweis gegen meinen eigenen Wert zu machen. Dass ich anfange zu lernen mich selbst nicht noch zusätzlich zu verlassen, wenn ich mich von anderen Menschen nicht gesehen fühle.
Vielleicht kennt Ihr diese Sehnsucht ebenfalls. Den Wunsch, gesehen und angenommen zu werden, und gleichzeitig das Bedürfnis, Euch zu schützen. Ihr seid nicht falsch, nur weil Eure Gefühle zu Eurer Familie kompliziert sind.
Ich hoffe, ich konnte Euch mit diesem Beitrag einen Einblick darin geben, wie widersprüchlich und schmerzhaft familiäre Beziehungen sein können, wenn Familie sich nicht automatisch nach Zugehörigkeit anfühlt.
Ich wünsche Euch einen schönen Tag. Passt auf Euch auf. ❤️




Kommentare