Emotionale Entwertung bei Borderline – zwischen Wut, Kränkung und Dissoziation
- Stefanie Garmatter
- 26. Mai
- 5 Min. Lesezeit
Hallo ihr Lieben ❤️
Gefühle empfindet jeder Mensch anders. Manche können Dinge schneller loslassen oder Emotionen besser ausblenden. Andere reagieren sensibler, nehmen Stimmungen stärker wahr oder fühlen emotional intensiver.
Und genau so ist es auch bei mir. Ich als Borderlinerin empfinde Gefühle in der Regel extrem stark. Nicht nur ein bisschen mehr, sondern meistens so intensiv, dass sie meinen ganzen Körper und meine Gedanken übernehmen. Dinge, die für andere vielleicht normal oder banal wirken, können sich für mich emotional riesig und schlimm anfühlen. Deshalb treffen mich gewisse Reaktionen von anderen Menschen oft auch viel tiefer, als man von aussen vermuten würde.
Eine Sache die für mich besonders schlimm ist, ist, wenn mir meine Gefühle abgesprochen werden.
Wenn ich etwas als schlimm empfinde, verletzt bin, mich über etwas aufrege, emotional reagiere oder mich übermässig freue und dann Sätze kommen wie:
„Das ist doch nicht so schlimm.“
„Du übertreibst mal wieder.“
„Du nimmst das viel zu ernst.“
„Das stimmt doch gar nicht.“
„Du siehst das völlig falsch.“
„Sei mal nicht so laut.“
Vielleicht sind solche Sätze manchmal gar nicht böse gemeint. Vielleicht sollen sie beruhigen oder relativieren. Aber in mir lösen sie oft etwas aus, das sich viel grösser anfühlt als einfach nur „nicht verstanden werden“.
Es fühlt sich an, als würde mein inneres Erleben plötzlich falsch sein. Als dürfte ich nicht so fühlen, wie ich gerade fühle. Und genau das bringt mein ganzes System manchmal komplett aus dem Konzept.
Deshalb schreibe ich heute über emotionale Entwertung bei Borderline.
Wenn Gefühle plötzlich „falsch“ sein sollen
Ich glaube, viele Menschen verstehen nicht, wie intensiv Gefühle bei Borderline erlebt werden können.
Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung fühlen Emotionen oft schneller, stärker und körperlicher. Gefühle sind nicht einfach nur Gedanken im Kopf. Sie übernehmen meistens das ganze Innere.
Ein kleiner Auslöser kann sich innerlich riesig anfühlen. Und genau deshalb trifft es mich so stark, wenn mir jemand sagt, dass mein Gefühl „gar nicht stimmt“ oder ich „übertreibe“.
Denn rational weiss ich oft selbst, dass meine Reaktion vielleicht stärker ist als die anderer Menschen. Aber sie fühlt sich in diesem Moment trotzdem genau so schlimm an. Mein Nervensystem unterscheidet nicht zwischen: „objektiv schlimm“ und „fühlt sich schlimm an“. Es IST schlimm in diesem Moment.
Nicht gespielt, absichtlich oder manipulativ. Sondern für mich real.
Warum emotionale Entwertung bei Borderline ein Trigger ist
Ich glaube, ein grosser Teil davon hat mit meiner Vergangenheit zu tun. Meine Gefühle waren früher oft „zu viel“. Ich war, so weit ich mich erinnern kann, immer zu empfindlich, zu emotional, zu laut, zu anstrengend.
Egal ob Angst, Traurigkeit, Wut, Freude oder Überforderung, irgendwie hatte ich oft das Gefühl, dass meine Emotionen falsch sind. Dass ich mich zusammenreissen soll. Dass andere genervt davon sind oder mich nicht ernst nehmen. Es war nie richtig und ich musste oft still sein, durfte kaum widersprechen ohne Konsequenzen davon zu tragen und wurde oft emotional beziehungsweise verbal gedemütigt.
Irgendwann lernt ein System daraus: „So wie ich fühle, stimmt etwas nicht.“
Und genau deshalb trifft mich emotionale Entwertung heute oft so tief. Weil es nicht nur um den aktuellen Satz geht. Es ist, als würden plötzlich alte Gefühle mit aufspringen. Alte Verletzungen. Alte Scham. Dieses tiefe Gefühl, wieder „zu viel“ zu sein.
Mein System reagiert dann nicht nur auf den jetzigen Moment, sondern auf viele alte Erfahrungen, die sich genauso angefühlt haben.
Zwischen Wut, Kränkung und innerem Kampf
Wenn das passiert, werde ich oft zuerst wütend oder trotzig. Nicht, weil ich Streit will.
Sondern weil ich versuche, mein inneres Erleben zu verteidigen. Ich versuche dann zu erklären, warum es sich für mich schlimm anfühlt. Warum mich etwas verletzt hat. Dass ich mich nicht ernst genommen fühle.
Manchmal sage ich dann auch direkt, dass ich diese Reaktion gerade nicht okay finde.
Aber innerlich beginnt da oft schon etwas zu kippen. Es ist wie ein Kampf zwischen: „Bitte versteh mich.“ und „Vielleicht bin ich wirklich falsch.“
Oft verstehe ich auch nicht, warum andere fühlen dürfen wie sie fühlen aber ich nicht. Warum es bei anderen immer okay ist, aber bei mir dann einfach nicht.
Und dieser innere Stress wird irgendwann so gross, dass mein Körper plötzlich nicht mehr mitmacht.
Wenn mein System in den Shutdown geht
Nach dieser starken inneren Anspannung kommt bei mir oft das komplette Gegenteil. Erst war ich noch motiviert, etwas zu tun oder etwas zu unternehmen, und dann kippt in mir plötzlich ein Schalter. Mein Körper fährt herunter. Ich werde plötzlich extrem müde. Manchmal muss ich sofort weinen. Oft lege ich mich einfach ins Bett und kann mich kaum noch bewegen. Alles wird dann wattig, unwirklich und neblig.
Es fühlt sich an, als wäre ich nicht mehr richtig erreichbar. Als könnte ich meinen Körper nicht mehr steuern, als wäre er nur noch eine Hülle.
Meine Gedanken drehen sich zwar weiter, aber gleichzeitig wird klares Denken unglaublich schwer. Brunhilde übernimmt dann meine Gedanken komplett und alles wird quasi nur noch schwarz. Sprechen wird schwierig oder manchmal fast unmöglich. Mein Körper fühlt sich weit weg an. Dann ist die Dissoziation voll da.
Und meistens schlafe ich dann irgendwann einfach ein, weil mein System völlig überlastet ist und einfach komplett dicht macht. Das ist keine bewusste Entscheidung, das passiert einfach. Das ist mir auch schon im sitzen passiert, während einer Dissoziation. Es ist, als würde mein Nervensystem irgendwann die Notbremse ziehen.
Dissoziation sieht nicht immer gleich aus
Es gibt bei mir aber auch mildere Formen von Dissoziation.
Vor allem dann, wenn ich nicht zuhause bin oder in Situationen, in denen ich trotzdem irgendwie funktionieren muss. Das passiert mir zum Beispiel manchmal bei meiner Therapeutin oder in sozialen Situationen, besonders wenn es um schwierige Gefühle oder emotionale Konfrontation geht.
Dann bin ich zwar noch da, ich höre noch zu und bekomme noch etwas mit, aber innerlich verschwimmt alles.
Denken wird schwer. Sprechen wird schwer. Sätze formen fühlt sich plötzlich an wie durch dichten Nebel laufen. Oft antworte ich dann auf Fragen mit, "ich weiss nicht" oder "jaja alles okay", so dass man mir möglichst nicht anmerkt, dass ich gerade nicht wirklich da bin, oder ich denke zumindest, dass man es nicht merkt.
Eigentlich würde ich oft gerne etwas sagen, aber mein Kopf und mein Mund arbeiten dann nicht mehr richtig zusammen, weshalb es fast unmöglich ist, klare Sätze zu formulieren.
Von aussen wirkt das vielleicht oftmals normal oder vielleicht einfach ruhig oder schüchtern. In mir drin ist es aber meistens das komplette Chaos. In diesen Momenten würde ich normalerweise auch gerne die Situation verlassen, aber auch das kann ich nicht, weil durch die Dissoziation bin ich gefangen und kann mich dann so lange nicht bewegen, bis entweder die Sitzung bei meiner Therapeutin rum ist oder es Zeit ist, zu gehen, wenn ich irgendwo eingeladen bin.

Es geht nicht darum, recht zu haben
Was ich mir in solchen Momenten eigentlich wünsche, ist gar nicht, dass jeder meine Sichtweise übernimmt.
Es geht nicht darum, immer recht zu haben. Es geht darum, dass akzeptiert wird, dass mein Gefühl in diesem Moment real und echt ist und dass man mich ernst nimmt.
Man kann eine Situation unterschiedlich sehen und trotzdem anerkennen, dass ein Gefühl gerade echt ist.
Denn Gefühle verschwinden nicht dadurch, dass man jemandem sagt, er solle sie nicht haben. Manchmal werden sie dadurch nur noch grösser.
Wenn ein verständnisvoller Satz alles verändern kann
Ich glaube, viele Menschen unterschätzen, wie stark emotionale Entwertung ein Nervensystem treffen kann, besonders dann, wenn man schon früh gelernt hat, dass die eigenen Gefühle „falsch“ sind.
Und vielleicht ist genau deshalb ein verständnisvoller Satz manchmal viel wirksamer als jedes Relativieren.
Vielleicht sollten wir versuchen nicht zu sagen: „Das ist doch nicht schlimm.“
Sondern eher zu sagen: „Ich merke, dass dich das gerade wirklich trifft.“
Allein das kann manchmal schon verhindern, dass ein ganzes inneres System zusammenbricht.
Ich denke, wir sollten alle versuchen, etwas mehr Verständnis für unsere Mitmenschen aufzubringen und aufhören, Menschen aufgrund von irgendetwas abzuwerten, ihnen Dinge abzusprechen oder sie vorschnell zu verurteilen. Denn jeder hat seine Lebensgeschichte und wurde auf seine Art und Weise geprägt.
Ich sage immer, es gibt meistens eine Erklärung für ein Verhalten, aber es ist nicht immer eine Entschuldigung.
Ich hoffe, ich konnte euch einen Einblick geben, wie sich emotionale Entwertung anfühlen kann und was dabei innerlich passiert.
Habt einen schönen Tag und passt auf euch auf. ❤️
