
Warum Selbstkritik und Selbsthass so dominant werden bei BPS
- Stefanie Garmatter
- 22. Feb.
- 4 Min. Lesezeit
Hallo ihr Lieben ❤️
Selbstkritik kennt fast jeder Mensch.
Diese innere Stimme, die sagt: Das war nicht gut genug. Das hättest du besser machen können.
Selbstkritik gehört grundsätzlich zu jedem Menschen. Sie hilft, Verhalten zu reflektieren, sich weiterzuentwickeln und soziale Normen einzuhalten.
Bei einer Borderline Persönlichkeitsstörung, kurz BPS, ist diese Stimme aber oft nicht nur ein Hinweis. Sie wird hart. Laut. Dauerhaft. Und sie richtet sich nicht nur gegen einzelne Fehler, sondern gegen den ganzen Menschen.
Sie ist nicht mehr regulierend, sondern zerstörerisch. Nicht situativ, sondern dauerhaft präsent. Und sie greift nicht das Verhalten an, sondern die eigene Existenz.
Doch warum ist das so?
Das möchte ich in diesem Beitrag erklären.
1. Die Entstehung eines negativen Selbstbildes
In der Schematherapie spricht man von sogenannten Selbstschemata. Das sind tief verankerte Grundüberzeugungen über die eigene Person.
Viele Menschen mit BPS entwickeln früh ein sehr negatives inneres Bild von sich selbst. Typische Grundannahmen lauten:
Ich bin falsch.
Ich bin zu viel.
Ich bin nicht liebenswert.
Diese Überzeugungen entstehen häufig durch emotionale Invalidierung. Das bedeutet, Gefühle wurden nicht gespiegelt, nicht ernst genommen oder abgewertet.
Ein Kind kann solche Erfahrungen nicht einordnen. Es kann nicht denken: Meine Bezugsperson ist überfordert.
Es denkt: Ich bin das Problem.
Wenn so etwas nicht nur einmal passiert, sondern immer wieder, entsteht irgendwann eine innere Überzeugung: Mit mir stimmt etwas nicht.
Diese Überzeugung wird später zur Grundlage für starke Selbstkritik.
Denn wenn ich glaube, dass ich grundsätzlich falsch bin, dann bestätigt jeder kleine Fehler genau das.
2. Neurobiologische Sensibilität und starke emotionale Aktivierung
Menschen mit BPS zeigen nachweislich eine erhöhte emotionale Empfindlichkeit. Sie fühlen intensiver. Das limbische System, insbesondere die Amygdala, reagiert schneller und intensiver auf soziale Bedrohung.
Das bedeutet: Ablehnung, Kritik oder Distanz werden stärker erlebt als bei anderen. Ablehnung fühlt sich nicht wie ein kleiner Stich an, sondern wie ein tiefer Schnitt. Kritik trifft nicht nur, sie erschüttert.
Gleichzeitig ist die präfrontale Regulation, also die Fähigkeit zur gedanklichen Einordnung und Beruhigung, unter starkem Stress oft weniger gut verfügbar.
Das Resultat ist ein inneres Ungleichgewicht:
Sehr starke emotionale Aktivierung bei gleichzeitig eingeschränkter Selbstberuhigung.
In diesem Zustand greift das Gehirn auf bekannte Erklärungsmodelle zurück. Und wenn das dominante Selbstbild negativ ist, lautet die Erklärung: Ich bin schuld.
Selbstkritik wird so zu einem automatisierten Versuch, das emotionale Chaos zu ordnen.
3. Bindungstrauma und verinnerlichte Beziehungsmuster
BPS ist eng mit unsicheren oder traumatisierenden Bindungserfahrungen verknüpft.
Frühe Bezugspersonen sind für das Kind nicht nur emotional wichtig, sie definieren Realität. Ihre Bewertungen werden zu inneren Stimmen.
Wurde Kritik, Beschämung oder emotionale Instabilität erlebt, wird diese Dynamik im Inneren abgespeichert.
Später entsteht daraus ein innerer Kritiker, der im Tonfall und in der Strenge oft den frühen Erfahrungen ähnelt.
Selbsthass ist in diesem Sinne keine spontane Entwicklung. Er ist eine verinnerlichte Beziehungserfahrung.
4. Instabiles Selbstgefühl und fehlender innerer Halt
Ein zentrales Merkmal der BPS ist ein brüchiges oder stark schwankendes Selbstgefühl. Das bedeutet, das Bild von sich selbst ist nicht stabil integriert. Man weiss oft nicht konstant, wer man ist oder wie viel man wert ist. Statt eines zusammenhängenden Ich-Gefühls existieren stark wechselnde innere Zustände.
In positiven Momenten kann ein Gefühl von Kompetenz oder Verbundenheit entstehen. In Stressmomenten aktiviert sich jedoch das negative Selbstbild vollständig.
Es gibt dann keinen inneren Zusammenhang, der sagt: Ich habe gerade einen Fehler gemacht, aber ich bin trotzdem ein wertvoller Mensch. Wenn etwas schiefgeht, fehlt ein innerer Gegenpol.
Ein stabiler Mensch kann denken: Ich habe Mist gebaut, aber ich bin trotzdem in Ordnung.
Bei BPS kippt es schneller in: Ich bin komplett falsch.
Der Fehler wird nicht vom Menschen getrennt. Er wird Teil der eigenen Identität.
Es erfolgt eine globale Abwertung. Selbstkritik wird totalisierend.

5. Schwarz oder weiss, nichts dazwischen
Ein weiteres Muster ist extremes Denken.
Nicht: Das war nicht ideal. Sondern: Das war eine Katastrophe.
Nicht: Ich habe überreagiert. Sondern: Ich bin unerträglich.
Es gibt wenig Graubereiche. Und ohne diese Graubereiche wird jede kleine Unsicherheit zu einem Beweis für die eigene Unzulänglichkeit.
6. Scham als zentrales Gefühlsbündel
Scham ist bei BPS ein sehr starkes Gefühl.
Schuld bedeutet: Ich habe etwas Falsches getan.
Scham bedeutet: Ich bin falsch.
Und Scham fühlt sich unglaublich bedrohlich an. Sie macht klein. Sie macht stumm. Sie brennt.
Um dieses Gefühl auszuhalten, entsteht oft Selbsthass.
Das klingt widersprüchlich, aber Selbsthass ist klar.
Er sagt: Du bist schlecht.
Und diese Klarheit ist manchmal leichter auszuhalten als dieses diffuse, überwältigende Schamgefühl.
7. Selbstkritik als vermeintliche Prävention
Ein weiterer psychodynamischer Aspekt ist die vorbeugende Selbstabwertung.
So hart es klingt: Selbstkritik ist oft ein Versuch, sich zu schützen.
Unbewusst kann die Logik entstehen:
Wenn ich mich selbst zuerst kritisiere, kann mich niemand überraschen.
Wenn ich mich selbst abwerte, trifft mich äussere Kritik weniger hart.
Selbsthass wird zu einem Schutzschild.
Das Problem ist, dass dieses Schutzschild dauerhaft gegen die eigene Person gerichtet ist.
Ein persönlicher Bezug
Bei mir hat dieser selbstabwertende Anteil einen Namen: Brunhilde.
Sie ist diese innere Härte. Diese kalte Stimme, die alles bewertet. Sie fühlt sich mächtig an und sehr überzeugend.
Aber sie ist nicht mein ganzes Wesen. Sie ist ein Anteil, der aus alten Erfahrungen entstanden ist.
Zusammenfassung
Selbstkritik und Selbsthass bei BPS entstehen nicht, weil jemand schwach ist oder dramatisch.
Sie entstehen aus einem Zusammenspiel von:
frühen Invalidierungserfahrungen
negativem Selbstbild
Bindungstrauma
starker emotionaler Aktivierung
instabilem Selbstgefühl
und chronischer Scham
Sie sind psychologisch erklärbare Schutzstrategien. Und alles, was erklärbar ist, ist nicht einfach „Charakter“. Es ist gelernt.
Und was gelernt wurde, kann auch langsam wieder verändert werden.
Nicht durch positives Denken. Sondern durch Stabilisierung, neue Beziehungserfahrungen, Emotionsregulation und langsame Neubewertung des eigenen Selbst.
Ich hoffe, ich konnte euch mit diesem Beitrag helfen, besser zu verstehen, warum Selbstkritik und Selbsthass bei BPS so dominant werden können und dass hinter dieser Härte oft alte Schutzmechanismen stehen.
Ich wünsche euch einen schönen Tag, passt auf euch auf und seid lieb zu euch. ❤️




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