
Wer bin ich eigentlich? – Leben ohne klares Ich-Gefühl bei BPS
- Stefanie Garmatter
- 27. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Hallo Ihr Lieben ❤️
Es gibt Tage, da weiß ich ziemlich genau, wie ich heiße, aber nicht, wer ich bin.
Ich weiß dann, was ich tun muss, was von mir erwartet wird, wie ich funktionieren kann. Doch innerlich fühlt es sich leer an. Als gäbe es kein festes Ich, an dem ich mich festhalten kann.
Dieses Gefühl begleitet viele Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung. Und lange dachte ich, mit mir stimmt etwas nicht.
Wenn das eigene Ich sich nicht greifen lässt
Ein stabiles Ich-Gefühl bedeutet, sich selbst als zusammenhängende Person wahrzunehmen: mit eigenen Werten, Vorlieben, Meinungen und Grenzen, auch wenn sich diese im Laufe des Lebens verändern dürfen.
Bei BPS ist dieses Gefühl oft brüchig oder kaum vorhanden.
Andere scheinen zu wissen, wer sie sind. Was sie mögen. Wofür sie stehen. Ich hingegen habe mich oft gefragt: „Warum fühlt sich das bei mir so wackelig an?“
Meine Interessen wechseln ständig. Meine Meinungen passen sich an. Und manchmal weiß ich nicht einmal, was ich selbst eigentlich will.
Nicht, weil ich nichts fühle, sondern weil alles gleichzeitig da ist und nichts davon bleibt.
Warum tritt das bei BPS so häufig auf?
Ein fehlendes oder instabiles Ich-Gefühl entsteht nicht einfach so. Es entwickelt sich meist dort, wo Sicherheit, Verlässlichkeit und emotionale Spiegelung gefehlt haben.
Wenn ein Kind lernt:
Zuneigung ist unberechenbar
Nähe kann jederzeit entzogen werden
Eigene Bedürfnisse sind zu viel oder gefährlich
dann wird Anpassung zur Überlebensstrategie.
Das eigene Innenleben tritt in den Hintergrund. Wichtiger wird die Frage: „Wie muss ich sein, damit ich sicher bin?“
Das "Ich" konnte sich dadurch nie stabil entwickeln. Nicht, weil etwas „falsch“ war, sondern weil Überleben wichtiger war als Selbstentfaltung.
Früh habe ich also gelernt, mich anzupassen. Zu spüren, was mein Gegenüber braucht. Zu werden, was gerade Sicherheit verspricht.
Mein eigenes Innenleben habe ich dabei oft zur Seite geschoben. Nicht bewusst, sondern aus Notwendigkeit.
Wenn Nähe unsicher ist, wird Anpassung zur Strategie. Dann zählt nicht mehr: „Wer bin ich?“ Sondern: „Wie muss ich sein, damit ich bleiben darf?“
Spiegeln anderer: Anpassung statt Täuschung
Aufgrund dieses fehlenden Ich-Gefühls haben viele Menschen mit BPS eine starke Neigung, ihr Gegenüber zu spiegeln.
Das bedeutet:
Man übernimmt Meinungen, Interessen oder Verhaltensweisen des anderen
Man passt sich der Stimmung, Haltung oder Weltanschauung an
Man wirkt je nach Umfeld sehr unterschiedlich
Von außen kann das manchmal so aussehen, als wäre man „nicht authentisch“ oder würde sich verstellen. Doch in Wahrheit passiert etwas anderes:
👉 Spiegeln ist der Versuch, Verbindung herzustellen und Sicherheit zu finden.
Wenn kein klares inneres Ich als Orientierung vorhanden ist, wird das Gegenüber zum Halt. Das ist kein bewusstes Manipulieren, sondern ein tief verankerter Schutzmechanismus.
Weil mein eigenes Ich sich so unscharf anfühlt, wurde das Gegenüber für mich lange zur Orientierung.
Ich habe Meinungen übernommen. Interessen geteilt, die vorher gar nicht da waren. Stimmungen gespiegelt, ohne es zu merken.
Die leise Frage danach: Was davon bin eigentlich ich?
Nach Begegnungen blieb oft ein seltsames Gefühl zurück. Erschöpfung. Leere. Und diese leise Frage: „Was davon war gerade eigentlich Ich?“ und „War es Okay wie ich mich benommen hab?“
Alleinsein war schwer. Nicht, weil ich Gesellschaft brauchte, sondern weil ich ohne Spiegel nicht wusste, wie ich mich sehen oder verhalten sollte oder was richtig oder falsch ist.
Wie fühlt sich das im Alltag an?
Ein instabiles Ich-Gefühl und das Spiegeln anderer können im Alltag sehr belastend sein:
Man verliert sich leicht in Beziehungen
Alleinsein fühlt sich leer oder beängstigend an
Eigene Bedürfnisse sind schwer greifbar
Nach Begegnungen bleibt oft Verwirrung oder Erschöpfung
Die Frage „Wer bin Ich eigentlich?“ taucht immer wieder auf
Viele Betroffene empfinden dabei Scham oder Schuld – völlig zu Unrecht.
Kein Versagen – sondern ein Schutz
Heute weiß ich: Dieses fehlende Ich-Gefühl ist kein Fehler.
Es ist ein Schutzmechanismus. Einer, der mir einmal geholfen hat zu überleben.
Mein Ich durfte sich lange nicht frei entwickeln. Nicht, weil ich es nicht konnte, sondern weil es zu unsicher war, es zu zeigen.
Kleine Schritte zurück zu mir
Ich lerne langsam, mich wieder wahrzunehmen. Nicht in großen Sprüngen. Sondern in kleinen Momenten.
Manchmal frage ich mich nur:
Was fühlt sich gerade stimmig an?
Was tut mir im Moment gut?
Was brauche ich, auch wenn es niemand sieht?
Mehr braucht es oft nicht.
Zum Schluss
Ich weiß noch immer nicht immer, wer ich bin. Und das ist okay.
Mein Ich muss nicht fest und laut sein. Es darf langsam wachsen. In meinem Tempo.
Und vielleicht geht es gar nicht darum, sich zu finden, sondern sich immer wieder ein kleines Stück näher zu kommen.




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