
Negative Selbstbilder und negativer Selbstwert: Wie meine Gedanken mich beeinflussen
- Stefanie Garmatter
- 29. Dez. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Hallo Ihr Lieben ❤️
Ich merke oft erst im Nachhinein, wie hart ich mit mir selbst bin. Nicht nur in großen Krisen, sondern im ganz normalen Alltag. Meine Gedanken über mich laufen so automatisch ab, dass sie sich nicht wie Gedanken anfühlen, sondern wie Tatsachen. Und genau das macht sie so mächtig.
Wie meine negativen Selbstbilder und mein negativer Selbstwert im Alltag aussehen
Manchmal reicht schon etwas ganz Kleines. Mir fällt etwas runter. Ich mache einen Fehler. Etwas klappt nicht so, wie ich es geplant habe.
Und sofort sind diese Gedanken da:
„Ich mache alles falsch.“
„Ich bin unfähig.“
„Ich bin schlecht.“
Es gibt kaum Zwischenstufen. Kein „Das kann passieren“. Kein Mitgefühl. In meinem Kopf wird aus einem kleinen Fehler sofort ein Urteil über mich als Mensch. Nach Konflikten ist es oft noch heftiger.
Wenn es Streit gibt oder Spannungen, richte ich die Schuld fast automatisch gegen mich. Ich werte mich extrem ab, hasse mich selbst und denke, ich sei ein schlechter Mensch, der alles kaputt macht. In diesen Momenten fühlt es sich an, als wäre ich der letzte Abschaum, selbst dann, wenn mein Verstand weiß, dass das nicht fair ist.
Dieses sofortige Urteil hängt eng mit einem Schwarz-Weiß-Denken zusammen, alles ist entweder „gut“ oder „schlecht“, richtig oder falsch, ich oder nicht-ich. Es gibt kaum Grautöne oder Nuancen. Das macht die Selbstkritik so extrem und erklärt, warum kleine Fehler oder Missverständnisse sofort zu Selbstabwertung führen.
Solche extremen Selbstkritik-Muster, die kaum Raum für Zwischenstufen lassen, sind übrigens typisch bei Menschen mit BPS. Sie entstehen nicht, weil ich „schwach“ oder „falsch“ bin, sie sind Teil der Erkrankung und können bei allen Menschen mit BPS auftreten.
Warum positives Feedback bei mir kaum ankommt
Ein besonders schmerzhafter Punkt ist, dass ich positives Feedback nur sehr schwer annehmen kann.
Wenn mir jemand sagt, dass er mich mag, dass ich etwas gut gemacht habe oder dass ich wichtig bin, kommt das innerlich oft nicht an.
Stattdessen denke ich:
„Das meint die Person nicht wirklich.“
„Die kennt mich nicht richtig.“
„Wenn sie wüsste, wie ich wirklich bin, würde sie das nicht sagen.“
Manchmal fühlt sich Nähe sogar bedrohlich an, weil sie nicht zu dem Bild passt, das ich von mir selbst habe. Mein negatives Selbstbild ist so stark, dass es positive Rückmeldungen abwehrt oder sofort relativiert oder ignoriert. Oft überfordern mich positive Reaktionen auch, weil ich nicht weiss, wie ich damit umgehen soll.
Woher meine negativen Selbstbilder und mein Selbstwert kommen
Diese Sicht auf mich selbst ist nicht einfach entstanden. Sie hat sich über viele Jahre entwickelt und ein sehr großer Teil davon liegt in meiner Kindheit.
Ich habe früh gelernt, dass es nicht sicher ist, mich zu wehren oder meine Meinung zu sagen. Wenn ich etwas gesagt habe, das meiner Mutter nicht gepasst hat, habe ich oft eine gescheuert bekommen. Direkt, körperlich, ohne Schutz.
Mein Körper hat gelernt: Etwas sagen ist gefährlich.
Gleichzeitig wurde ich auch verbal immer wieder abgewertet. Ich habe zu hören bekommen, dass ich zu dick sei, zu unordentlich, dass ich die falschen Kleider trage, dass ich furchtbar aussehe. Mein Aussehen und mein Körper waren ständig Thema, selten neutral, fast nie liebevoll.
Ich musste schon früh Diätshakes und Pillen nehmen. Ich hörte Sätze wie: „Mit dir kann ich nicht in der normalen Abteilung einkaufen, wir müssen zu den größeren Kindersachen.“ Und noch vieles mehr...
Solche Aussagen prägen. Sie setzen sich fest. Sie erzählen einem Kind immer wieder: Mit dir stimmt etwas nicht.
Dazu kam, dass ich mich emotional ohnehin oft als „zu viel“ erlebt habe.
Zu fröhlich.
Zu traurig.
Zu wütend.
Zu hysterisch, wenn ich geweint habe.
Egal, welches Gefühl da war, es war nie richtig. Nie passend. Nie willkommen. Also habe ich gelernt, mich zusammenzunehmen, mich anzupassen und mich innerlich klein zu machen. Nicht, weil ich das wollte, sondern weil es nötig war, um irgendwie klarzukommen.
Auch in der Schule war ich nicht sicher. Ich wurde gemobbt, teilweise vom ganzen Schulhaus. Wieder und wieder die gleiche Botschaft: Du gehörst nicht dazu. Du bist falsch.
Aus all dem haben sich meine negativen Selbstbilder geformt. Aus äußeren Abwertungen wurden innere Stimmen. Aus Kritik wurde Selbstkritik. Aus Scham wurde Selbsthass.

Von Schuld zu Selbstbestrafung – wie sich der Kreislauf fortsetzt
Wenn ich von klein auf gelernt habe, dass sogar Schmerz, Krankheit oder Unfälle meine eigene Schuld sind, dann bleibt das nicht ohne Folgen. Diese innere Logik begleitet mich bis heute.
Sobald etwas schiefgeht, emotional oder körperlich, meldet sich sofort eine innere Stimme, die nicht fragt, wie es mir geht, sondern: Was habe ich falsch gemacht?
Aus dieser Schuld entsteht sehr schnell Selbstabwertung. Ich bin dann nicht einfach jemand dem etwas passiert, sondern ich bin das Problem.
Und genau hier kippt es oft in Selbstbestrafung.
Wenn ich meine Meinung sage und es kommt zu einem Streit, wenn jemand laut wird oder mich abwertet, dann triggert das genau dieses alte Muster. In mir wird es sofort sehr laut:
Warum hast du den Mund aufgemacht?
Du hättest still sein müssen!
Du musst dafür bezahlen!
Du musst dich bestrafen!
In solchen Momenten kippt mein Selbstbild komplett. Es kommt ein enormer Selbsthass auf und oft kommen dann sehr starke Impulse dazu: Drang zu Selbstverletzung oder Suchtdruck. Nicht, weil ich mir schaden will, sondern weil mein System verzweifelt versucht, diese überwältigenden Gefühle wie Scham, Angst, Selbsthass und die innere Überforderung zu beenden.
Mein Nervensystem reagiert dann nicht auf einen heutigen Konflikt, sondern auf alte Gefahr.
Und obwohl ich heute weiß, dass diese Muster aus meiner Kindheit stammen, sind sie unglaublich hartnäckig. Sie zu erkennen ist schwer – und sie zu durchbrechen fühlt sich manchmal fast unmöglich an.
Der Schmerz richtet sich dann nicht mehr nach außen, sondern nach innen.
Was diese Gedanken mit meinem Selbstwert machen
Diese negativen Selbstbilder beeinflussen alles.
Wie sicher ich mich fühle. Wie viel Raum ich mir erlaube. Wie ich Beziehungen erlebe.
Durch die starke Selbstabwertung ziehe ich mich oft zurück, nicht nur innerlich, sondern auch ganz konkret. Ich melde mich dann nicht mehr bei Freund:innen oder Familie, sage Treffen ab oder antworte gar nicht erst.
Nicht, weil mir diese Menschen egal sind, sondern weil sich in mir der Gedanke festsetzt, dass ich zu schlecht bin, zu anstrengend oder eine Belastung für alle. Ich habe dann das Gefühl, es wäre besser, mich zurückzuziehen, um niemandem zur Last zu fallen.
So schließt sich der Kreis: Schuld → Selbstabwertung → Rückzug oder Selbstbestrafung.
Und obwohl ich heute weiß, dass diese Muster aus meiner Kindheit stammen, sind sie unglaublich hartnäckig. Sie zu erkennen ist schwer und sie zu durchbrechen fühlt sich manchmal fast unmöglich an. Vor allem, weil sie sich so „wahr“ anfühlen.
Wie schwer es mir fällt, diese Muster zu erkennen
Das Schwierige ist: Mir fällt es extrem schwer, diese negativen Gedanken überhaupt als Muster zu erkennen.
Sie laufen so automatisch ab, so tief verankert, dass ich sie oft erst bemerke, wenn ich mich schon schlecht fühle, mich zurückziehe oder innerlich zusammenbreche.
Diese Sicht auf mich selbst anders zu sehen, fühlt sich nicht nur ungewohnt an, sondern fast unmöglich. Als würde ich versuchen, eine Sprache zu sprechen, die ich nie gelernt habe.
Und trotzdem versuche ich immer wieder, wenigstens einen kleinen Moment Abstand zu schaffen. Nicht, um die Gedanken sofort zu ändern, sondern um mir bewusst zu machen:
Das ist gerade ein altes Selbstbild. Das bin nicht ich.
Negative Selbstbilder lassen sich nicht einfach abschalten.
Sie sind über viele Jahre entstanden und dürfen auch langsam hinterfragt werden.
Vielleicht reicht es fürs Erste, sie nicht mehr ungeprüft zu glauben.
Und mir selbst Schritt für Schritt das zu geben, was früher gefehlt hat: Schutz, Verständnis und ein kleines bisschen Mitgefühl. ❤️
Vielleicht beginnt Veränderung genau hier: nicht im Andersdenken, sondern im Nicht-mehr-Allein-damit-sein.
Ich hoffe Euch hat der Einblick in das Thema negative Selbstbilder und negativer Selbstwert gefallen und ich wünsche Euch einen schönen Tag. ❤️




Kommentare