top of page
close-up-of-a-hand-written-message-on-a-popsicle-s-2025-10-28-21-12-38-utc.jpg
Sucht und Emotionen regulieren – Leben mit Suchtdruck

Sucht und Emotionen regulieren – Leben mit Suchtdruck

7. Okt.
11 Min. Lesezeit


Triggerwarnung: In diesem Beitrag spreche ich über Alkohol, Cannabis, Suchtdruck und Gedanken an Selbstverletzung. Bitte achtet auf Euch und entscheidet, ob Ihr das gerade lesen möchtet.



Hallo Ihr Lieben ❤️


Kennt Ihr das, wenn Ihr genau wisst, dass Euch etwas nicht guttut, und Euch trotzdem danach sehnt? Wenn Ihr die Folgen kennt, aber für einen Moment denkt: „Scheiss drauf. Ich möchte einfach, dass es in mir endlich ruhig ist.“ So geht es mir seit einiger Zeit.

Ich konsumiere nun schon eine Weile weder Alkohol noch Cannabis noch Nikotin. Trotzdem habe ich gerade sehr mit Suchtdruck zu kämpfen. Brunhilde flüstert mir immer wieder zu, warum es eigentlich ganz gut wäre, mich mal kurz abzuschalten. Für eine Weile Ruhe zu haben, statt ständig mit meinen Gefühlen und Gedanken umgehen zu müssen. Und obwohl ich die negativen Seiten kenne, klingt das manchmal verdammt verlockend.

Und darüber möchte ich heute schreiben: wie ich diesen Suchtdruck erlebe und was zwischen dem Wunsch zu konsumieren und dem tatsächlichen Konsum bei mir passiert.


Ein Spaziergang mit Blue und plötzlich dieses Verlangen

Letzte Woche war ich mit Blue ungefähr zwei Stunden in Biel unterwegs. Wir liefen zur Schüssinsel, wo es Holzliegen gibt. Ich wollte mich dort mit ihr hinlegen und eine Ruheübung machen. Als wir in den Park kamen und ich auf eine der Liegen zuging, sagte ich laut zu Blue: „Oh, jetzt hier einen kiffen und einfach alles vergessen und chillen wäre schon nice, oder Blue? Einfach mal wieder high sein.“ Ich war kurz ein bisschen erschrocken und überrascht, dass ich das tatsächlich laut zu ihr gesagt und nicht nur gedacht hatte. Erst war es einfach dieser Gedanke, den ich laut ausgesprochen hatte. Aber dann fing Brunhilde an, daraus mehr zu machen.

Ich bemerkte, wie ich meine Umgebung danach absuchte, ob ich irgendwo Cannabis bekommen könnte. In meinen Gedanken entstanden ganze Szenarien und alles schoss kreuz und quer durch meinen Kopf. Wo könnte ich etwas besorgen? Wie wäre es, jetzt wieder einen Joint zu rauchen?

Und dann war ich gedanklich irgendwann bei Kims Reise nach Japan. Zwei Wochen alleine zu Hause. Plötzlich stellte ich mir vor, wie ich mich in dieser Zeit mit Cannabis und Alkohol zudröhnen könnte. Ich fand es selbst erschreckend überraschend, wie schnell das gegangen war. Ich wollte eigentlich mit meinem Hund auf einer Holzliege entspannen. Und Brunhilde hatte daraus inzwischen ein ganzes Konsumszenario gemacht.

Wir gingen ans Wasser, wo Blue offenbar höchst empört darüber war, dass beim Trinken ihre Pfoten nass wurden. Ihre Reaktion zog meine Aufmerksamkeit wieder stärker zu ihr und zu dem, was gerade vor mir passierte. Das holte mich aus Brunhildes Konsumszenario raus.

Danach lagen wir ungefähr 40 Minuten auf einer Holzliege. Zumindest ich versuchte zu entspannen. Blue kontrollierte hauptsächlich die Gegend und schien vom Sinn unserer Ruheübung noch nicht ganz überzeugt.

Ab und an tauchte noch kurz ein Gedanke ans Kiffen auf. Das waren aber eher kleine Funken, die gleich wieder verschwanden.

Ich habe an diesem Tag nichts besorgt und nichts konsumiert. Aber das Verlangen war da. Und ich hatte gemerkt, wie schnell Brunhilde aus einem einzelnen Gedanken eine ganze Geschichte machen konnte.


Oftmals reicht schon ein Geruch

Seit unserem Umzug rieche ich im Alltag relativ häufig Cannabis. In unserer Liegenschaft, beim Gassigehen mit Blue oder wenn ich auf dem Balkon sitze. Eigentlich fast täglich. Und inzwischen denke ich dabei immer wieder: „Ich würde jetzt nicht Nein sagen.“ Manchmal bleibt es bei diesem Satz. Manchmal beginne ich mir vorzustellen, wie es wäre, wieder zu kiffen. Der Gedanke bekommt mehr Platz und daraus wird Verlangen. Manchmal, wenn ich unterwegs bin und jemand an mir vorbeiläuft und kifft, bin ich schon kurz davor, zu fragen, ob die Person etwas für mich hat.

Für starkes Verlangen nach einer Substanz oder ihrer Wirkung wird auch der Begriff „Craving“ verwendet. Gemeint ist damit Suchtdruck. Gerüche oder andere Situationen, die mit früherem Konsum verbunden sind, können dieses Verlangen auslösen. Bei mir muss dafür nicht gerade eine offensichtliche Krise stattfinden. Manchmal bin ich einfach mit Blue unterwegs. Ich rieche etwas und plötzlich ist Brunhilde da und erzählt mir, wie schön es wäre, wieder zu kiffen.

Cannabis ist für mich besonders schwierig. Kiffen war schon immer mein Endgegner. Ich habe mehr Zeit meines Lebens gekifft als nicht gekifft. Entsprechend viel hängt für mich an diesem Geruch.


Eine junge Frau blickt beim Weitergehen zu einem jungen Mann zurück, der in entgegengesetzter Richtung unterwegs ist und einen rauchenden Joint in der Hand hält.

Was ich am Kiffen vermisse und warum ich trotzdem nicht zurückmöchte

Wenn ich Cannabis rieche, kommen nicht nur schlechte Erinnerungen. Da sind auch Gedanken an Entspannung, Spass, Kreativität, gute Gespräche, Lust, Genuss und einen freien Geist. An Dinge, die ich mit dem Kiffen verbunden habe und die einen Teil von mir immer noch ansprechen. Zu Suchtdruck können auch Erinnerungen an frühere Konsumerlebnisse und Vorstellungen davon gehören, wie gut sich der Konsum anfühlen könnte. Das Verlangen besteht also nicht nur aus dem Wunsch nach einer Substanz. Auch die erwartete Wirkung kann einen grossen Platz einnehmen.

Brunhilde erinnert mich dann daran, wie entspannt, spassig und kreativ das Kiffen sein konnte. Die negativen Seiten kenne ich trotzdem. Aber ich muss sie mir in diesen Momenten bewusst wieder vor Augen halten. Ich möchte die angenehmen Erinnerungen nicht aus meiner Geschichte streichen, denn manchmal würde ich tatsächlich gerne wieder kiffen. Aber ich kenne auch die andere Seite sehr gut.

Bei mir bleibt es nicht bei einem Joint und dem angenehmen Gefühl am Anfang. Ich kann meinen Konsum nicht kontrollieren. Nach dem ersten Joint fühle ich mich noch gut, aber ich rauche dann alle ein bis zwei Stunden wieder einen und es geht immer mehr bergab. Bis ich so high bin, dass ich nichts mehr spüre und nichts mehr denken kann. Einfach nur noch schlafen. Weggebeamt sein. In einer anderen Welt, in der alles in Watte gepackt ist. Und gleichzeitig dieses unangenehme Gefühl, nicht richtig da zu sein. Nicht auf meinen Verstand zugreifen zu können. Das fühlt sich nicht gut an. Trotzdem kann ich mich danach sehnen, so weit weg zu sein, dass mich nichts mehr erreicht.

Diese Sehnsucht nach dem Wegsein zeigt für mich auch, warum Konsum trotz der bekannten negativen Folgen anziehend sein kann. Nicht nur wegen der angenehmen Gefühle, sondern auch wegen der vorübergehenden Entlastung von unangenehmen Gefühlen. Wenn etwas innerlich kaum auszuhalten ist, kann die Aussicht, es weniger zu spüren, zum Grund werden, wieder zu konsumieren. Auch wenn man die negativen Folgen kennt.

Bei mir liegt genau darin ein Widerspruch. Wenn ich nichts mehr denken möchte, wird ausgerechnet diese Wirkung verlockend. Ich kenne sie und wünsche sie mir manchmal trotzdem. Dann hält mir Brunhilde genau dieses Ausschalten hin: nichts mehr fühlen, nichts mehr denken, einfach weg sein.

Deshalb bin ich oft zwiegespalten. Ich vermisse etwas daran und weiss gleichzeitig, dass es mir ohne Cannabis mental grundsätzlich besser geht. Dann versuche ich, mich an meine bisherigen Erfahrungen zu erinnern. An die negativen Seiten, die Brunhilde in diesem Moment gerne etwas weiter nach hinten schiebt. Und vor allem daran, dass es bei mir nicht bei einmal Kiffen geblieben ist. Dieses „Nur einmal“ hat für mich noch nie funktioniert. Ich bin dadurch immer wieder in den Konsum zurückgerutscht.

Wenn Brunhilde mir also erzählt, wie schön ein Joint jetzt wäre, versuche ich, auch den Rest meiner Geschichte daneben zu stellen.


Alkohol ist gerade noch präsenter

Obwohl Cannabis für mich so viel auslöst, ist Alkohol momentan noch präsenter. Schon allein, weil er so einfach verfügbar ist. Beim Einkaufen stehe ich plötzlich vor Vodka oder Rum und denke: „Ich würde mich gerade gerne gottlos betrinken.“ Nicht ein gemütliches Glas trinken. Mich betrinken. Für eine Weile nicht mehr mit allem umgehen müssen, was in mir los ist.

Denn psychisch geht es mir momentan eher „semi gut“. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, vieles davon im Alltag ziemlich erfolgreich zu verdrängen oder zu ignorieren. Ich denke, aus diesem Grund taucht dieser Wunsch nach dem Ausschalten immer häufiger auf. Um alles besser verdrängen zu können.

Das Paradoxe ist: Eigentlich mag ich Alkohol gar nicht. Ich habe früher weder täglich noch regelmässig getrunken und war nie körperlich von Alkohol abhängig. Mein problematischer Umgang damit bestand darin, ihn gezielt zu benutzen, um Gefühle und Gedanken zu unterdrücken.

Mir ging es also darum, zu verändern, was ich innerlich fühlte. Genau darum geht es bei der sogenannten Emotionsregulation: darum, mit Gefühlen umzugehen und ihre Intensität zu beeinflussen. Auch Alkohol kann dafür eingesetzt werden. Er kann unangenehme Gefühle vorübergehend dämpfen. Aber wenn Trinken zur Strategie gegen Stress und seelische Belastung wird, kann es die negativen Gefühle längerfristig verstärken. Die kurzfristige Entlastung hat dann einen Preis. Für mich war genau dieses vorübergehende Ausschalten immer wieder verlockend. Und daran erinnert mich Brunhilde heute noch, und das nicht nur, wenn ich vor dem Alkoholregal stehe.

Oft, wenn ich mit meinen Gefühlen oder mit Situationen masslos überfordert bin oder mir etwas sehr aussichtslos erscheint, wünsche ich mir genau dieses Ausschalten. Doch bis jetzt habe ich keinen Alkohol gekauft, um mich zu betrinken. Meistens halte ich mir vor Augen, wie mies es mir am nächsten Tag gehen würde und dass es mir das nicht wert ist. Oder ich denke an die gesundheitlichen Folgen, daran, dass Kim es auch nicht gut findet, wenn ich trinke, und an das Geld. Wir haben ohnehin nicht Unmengen davon und ich möchte es nicht für etwas ausgeben, das ich nicht einmal besonders mag und nach dem es mir schlecht geht.

Das sind die Dinge, die ich mir in diesen Momenten bewusst vor Augen halte. Auch wenn das Verlangen dadurch nicht sofort verschwunden ist.


„Jetzt nicht. Aber wenn Kim weg ist ...“

Mir ist aufgefallen, dass ich diese Gedanken aktuell sehr oft auf die Zeit verschiebe, in der Kim weg ist. Er wird für zwei Wochen alleine in die Ferien gehen. Gleichzeitig fällt meine Therapeutin wegen einer Operation ungefähr sechs Wochen aus. Das überschneidet sich ziemlich sicher mit seiner Reise. In diesen zwei Wochen wird Kim also nicht zu Hause sein und ich werde, so wie es aussieht, auch keine regulären Termine bei meiner Therapeutin haben.

„Jetzt nicht. Aber wenn Kim weg ist ...“ Dann könnte ich trinken. Dann könnte ich kiffen. Dann könnte ich mich gehen lassen und einfach alles ausschalten. Auch Gedanken daran, mich in dieser Zeit selbst zu verletzen, sind schon aufgetaucht.

Ich habe nicht beschlossen, dass ich das tun werde. Aber ich merke, wie verschiedene Gedanken und Verlangen immer wieder bei diesen gleichen zwei Wochen landen. Als würde Brunhilde dort einen Platz dafür freihalten. Niemand wäre unmittelbar zu Hause und würde mitbekommen, was ich tue. Gleichzeitig hätte ich keine Termine bei meiner Therapeutin. So erlebe ich es momentan. Ich weiss nicht genau, warum Brunhilde diese Zeit so auflädt. Aber ich bemerke es. Und es beschäftigt mich.


Ich habe Respekt vor diesen zwei Wochen

Neben diesen Vorstellungen ist da auch sehr viel Respekt und vielleicht auch Angst.

Seit Kim in der Schweiz ist, war ich noch nie wirklich lange von ihm getrennt. Ausser während meines Klinikaufenthalts. Aber damals war ich nicht alleine, sondern in der Klinik. Und in dieser Zeit sind Dinge in unserer Beziehung passiert, die nicht schön waren. Näher möchte ich darauf hier nicht eingehen. Wenn ich mir jetzt vorstelle, dass er alleine verreist und ich hier alleine zu Hause bin, kommen Gedanken, Ängste, Trigger und Flashbacks dazu.

Dann möchte ich lieber „knocked out“ sein, als alleine mit all dem umgehen zu müssen. Nicht fühlen. Nicht denken. Nicht die ganze Zeit mit mir selbst und dem beschäftigt sein, was in mir los ist. Gleichzeitig kommt aber auch der rationale Gedanke dazu, dass ich mich um Blue kümmern muss. Sie braucht mich auch in diesen zwei Wochen.

Und dann gibt es da noch ein anderes Gefühl: Alle gehen oder gingen in die Ferien und ich sitze alleine zu Hause. Ich kann nicht in die Ferien gehen. Nichts erleben. Mir nichts leisten. Dieses Gefühl existiert ebenfalls. Und das macht mich traurig. Aber diesen Schmerz möchte ich nicht fühlen.

Eine passende Lösung dafür, wie ich diese zwei Wochen konkret meistern soll, habe ich noch nicht. Vielleicht kann ich selbst auch mit Blue ein paar Tage wegfahren, aber ich denke nicht, dass ich mir das leisten kann.


Ich weiss nicht, wie es tatsächlich sein wird

Bei all dem möchte ich eines deutlich sagen: Ich weiss nicht, wie diese zwei Wochen verlaufen werden.

Vielleicht komme ich gut mit der Situation zurecht. Vielleicht bin ich entspannt und finde es sogar angenehm, eine Weile alleine zu sein. Vielleicht wird es aber auch schwierig und ich komme überhaupt nicht auf mein Leben klar. Ich weiss es einfach noch nicht.

Was ich beschreiben kann, ist das, was jetzt in mir passiert. Welche Angst die Vorstellung auslöst. Was Brunhilde mir dazu erzählt. Und wie oft sie Alkohol, Cannabis oder Selbstverletzung gedanklich mit dieser Zeit verbindet. Das ist mein heutiges Erleben. Wie es mir dann tatsächlich gehen wird, ist noch offen.


Wie ich mit Suchtdruck umgehe

Im Alltag versuche ich meistens, das Verlangen auszuhalten. Ich reite die Welle und warte, bis sie wieder nachlässt. Der Suchtdruck fühlt sich für mich an wie eine riesige Welle, die auf mich zukommt und mich überschwemmt. Erst ist das Verlangen heftig, dann flacht es mit der Zeit wieder ab. Ich warte das ab, ohne ihm nachzugeben. Auch wenn es sich mittendrin verdammt schwer aushalten lässt. Manchmal lenke ich mich dann mit Blue ab oder gehe in Gedanken die negativen Seiten durch.

Bei Alkohol ist das oft der nächste Morgen. Bei Cannabis sind es meine Erfahrungen mit dem erneuten Abrutschen in den Konsum und das Wissen, dass es mir ohne mental besser geht. Und in beiden Fällen spielt das Geld immer eine grosse Rolle. Ich sage mir, dass ich damit etwas anderes machen kann, statt es für Drogen auszugeben.

Das klingt aufgeschrieben ziemlich einfach und vernünftig. Aber während Brunhilde gerade eine Debatte mit mir führt und die angenehmen Seiten hervorholt, muss ich mich bewusst auch an das erinnern, was danach oder daneben kommt. Manchmal bleibt das Verlangen trotzdem noch eine Weile da. Dann halte ich es aus, ohne ihm nachzugeben.

So sieht mein Umgang damit momentan aus. Ich habe keine perfekte Lösung und keinen Satz, mit dem Brunhilde sofort Ruhe gibt. Aber ich habe Dinge, an die ich mich erinnere und die mir manchmal helfen, nicht zu handeln.


Ich kann es wollen und mich trotzdem dagegen entscheiden

Ich möchte ehrlich sagen dürfen, dass ich manchmal trinken will, dass ich das Highsein manchmal vermisse und dass die Vorstellung, mich völlig abzuschiessen, erschreckend gut klingen kann. Auch wenn ich weiss, warum ich nicht zurückmöchte.

Für mich besteht gerade beides gleichzeitig: das Verlangen und die Gründe, ihm nicht zu folgen. Suchtdruck ist nicht dasselbe wie eine Entscheidung zum Konsum. Ein starkes Verlangen kann da sein, ohne dass man ihm nachgibt. Für mich macht das den Wunsch nicht weniger echt. Ich will es in diesen Momenten tatsächlich. Und trotzdem kann ich die Flasche stehen lassen oder den Gedanken an einen Joint aushalten, ohne mir einen zu besorgen.

Auf der Schüssinsel habe ich überlegt, wo ich Cannabis bekommen könnte, und habe trotzdem nichts besorgt. Im Laden habe ich Alkohol gesehen und wollte mich betrinken, ohne die Flasche mitzunehmen.

Diese Gedanken beschäftigen mich. Besonders, wenn Brunhilde sie immer wieder mit Kims Abwesenheit verbindet. Aber ich habe damit noch nicht entschieden, was ich tun werde. Ich bin gerade mitten in diesem Widerspruch. Ich will es manchmal und trotzdem tue ich es nicht.


Zwischen dem Gedanken und der Handlung

Wie es mir in den zwei Wochen ohne Kim und ohne Therapietermine tatsächlich gehen wird, weiss ich noch nicht. Aber schon jetzt merke ich, wie Brunhilde diese Zeit immer wieder als Gelegenheit darstellt. Das beschäftigt mich und bereitet mir Sorgen. Einer der schwierigsten Teile am Suchtdruck ist für mich dieser Widerspruch: Ich kann meine Gründe gegen den Konsum aufzählen und trotzdem Lust darauf haben. Meine schlechten Erfahrungen löschen die angenehmen Erinnerungen nicht aus. Und manchmal wird sogar das Ausschalten selbst verlockend, obwohl ich weiss, wie schlecht es mir damit ging.

Vielleicht kennt Ihr diesen Widerspruch ebenfalls: Ihr wisst genau, warum Ihr aufgehört habt, und trotzdem vermisst Ihr etwas am Konsum. Ein „Du weisst doch, dass es Dir nicht guttut“ sagt Euch dann nichts Neues. Ihr habt die Folgen nicht vergessen. Ihr kämpft mit dem Verlangen, obwohl Ihr sie kennt. Ihr müsst die schönen Erinnerungen nicht leugnen, um Eure Gründe gegen den Konsum ernst zu nehmen. Und wenn Ihr dem Verlangen nicht nachgebt, zählt das auch dann, wenn es Euch schwerfällt und Ihr es gerade eigentlich wollt.

Ich möchte weder so tun, als wäre jeder Gedanke an Konsum bereits ein Rückfall, noch meinen Suchtdruck kleinreden. Brunhilde führt ihre Debatte mit mir. Manchmal hat sie Argumente, denen ich erschreckend viel abgewinnen kann. Trotzdem habe ich bisher nicht danach gehandelt. Das macht das Verlangen nicht weniger ernst, aber meine Entscheidung dagegen zählt ebenfalls.

Selbst beim Schreiben dieses Beitrags habe ich immer wieder Suchtdruck verspürt. Die Erinnerungen an den Konsum und seine Wirkung haben nicht nur geholfen, mein Erleben zu beschreiben, sondern auch das Verlangen danach getriggert. Ich musste zwischendurch immer wieder daran denken, selbst wieder zu konsumieren.

Vielleicht bleibt Euch aus diesem Beitrag genau dieser Gedanke: Ihr müsst nicht erst aufhören, Euch nach dem Konsum zu sehnen, um Euch dagegen entscheiden zu können.


Ich hoffe, ich konnte Euch mit diesem Beitrag einen ehrlichen Einblick geben, wie sich Suchtdruck anfühlen kann und wie ein Umgang damit aussehen kann. Mit all den widersprüchlichen Gefühlen, die dazugehören, und ohne so zu tun, als wäre es einfach, dem Verlangen nicht nachzugeben.


Passt gut auf Euch auf und ich wünsche Euch einen schönen Tag ❤️

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page