
Zwischen Impuls und Entscheidung – starke Emotionen regulieren lernen
- Stefanie Garmatter
- vor 10 Stunden
- 5 Min. Lesezeit
Hallo ihr Lieben ❤️
Es gibt Momente, da ist ein Gefühl nicht einfach nur da. Es übernimmt.
Gedanken werden einseitiger, der Körper geht in Anspannung und der Drang zu handeln wird immer stärker. In diesem Zustand wirken viele Reaktionen absolut logisch, auch wenn sie langfristig nicht hilfreich sind.
Und genau in diesen Momenten verliere ich manchmal die Kontrolle.
Nicht, weil ich es will. Sondern weil zwischen Gefühl und Handlung einfach kein Raum mehr ist.
Genau hier setzen bestimmte Skills an. Sie helfen dabei, nicht sofort zu reagieren, sondern einen kleinen Abstand zwischen Gefühl und Handlung zu schaffen und zu lernen wie man starke Emotionen regulieren kann.
Zwei besonders hilfreiche Ansätze sind dabei der HILFS-Skill und der sogenannte Held des Alltags.
Und diese beiden Skills möchte ich euch in diesem Beitrag genauer erklären.
Der HILFS-Skill – eine Entscheidungshilfe unter Emotion
Der HILFS-Skill hilft genau dort, wo es am schwierigsten ist: Zwischen Impuls und Handlung.
Er dient nicht dazu, das Gefühl wegzumachen.
Er soll einen nur dazu bringen, kurz innezuhalten und zu prüfen.
HILFS ist dabei nicht einfach nur ein Name, sondern steht für eine konkrete Frage:
H – Handlungs
I – Idee
L – Lang
F – Fristig
S – Sinnvoll
Die zentrale Frage lautet:
Ist diese Handlungsidee langfristig sinnvoll?
Und das ist ehrlich gesagt eine der unangenehmsten Fragen überhaupt. Weil die Antwort oft klar ist.
Diese Frage ist deshalb so wichtig, weil emotionale Impulse fast immer auf kurzfristige Entlastung ausgerichtet sind.
Wut drängt zu Angriff oder Ausdruck
Angst drängt zu Vermeidung
Scham drängt zum Rückzug
Einsamkeit drängt zu schneller Verbindung
Diese Reaktionen sind im Moment nachvollziehbar, aber nicht immer langfristig hilfreich.
Wie der HILFS-Skill angewendet wird
Der Ablauf lässt sich in drei Schritte unterteilen:
1. Anspannung wahrnehmen
Zuerst wird eingeschätzt, wie hoch die innere Anspannung ist. Bei sehr hoher Anspannung ist klares Denken oft eingeschränkt, hier steht zunächst die Beruhigung im Vordergrund.
2. Handlungsimpuls benennen
Was ist der konkrete Impuls? Wichtig ist, diesen ehrlich zu erkennen, ohne ihn direkt zu bewerten.
3. HILFS-Frage stellen
Ist das, was gerade getan werden möchte, langfristig sinnvoll?
Wenn die Antwort „ja“ ist, kann entsprechend gehandelt werden.
Wenn die Antwort „nein“ ist, geht es darum, die Emotion zunächst abzuschwächen.

Emotionen regulieren – Gefühle abschwächen statt ihnen blind zu folgen
Wenn die Antwort „nein“ ist, dann geht es nicht darum, das Gefühl wegzumachen.
Sondern darum, es abzuschwächen, damit klareres Denken wieder möglich wird.
Und genau hier kommen die klassischen Strategien ins Spiel:
ruhige Atmung
entgegengesetztes Denken
entgegengesetzte Wahrnehmung
entgegengesetzte Körperhaltung
entgegengesetztes Handeln
Das Ziel ist nicht, das Gefühl zu unterdrücken. Sondern es so weit runterzubringen, dass man wieder entscheiden kann, statt nur zu reagieren.
Die einzelnen Strategien kurz erklärt
Ruhige Atmung
Fast jede Emotion aktiviert den Körper. Schnellere Atmung, mehr Spannung, mehr innere Unruhe.
Langsame, bewusste Atmung macht genau das Gegenteil.
Sie signalisiert dem Körper: Es ist nicht so gefährlich, wie es sich gerade anfühlt.
Entgegengesetzte Wahrnehmung
Wenn Angst da ist, sieht plötzlich alles bedrohlich aus. Wenn Scham da ist, wirkt alles abwertend.
Das Gehirn filtert.
Hier hilft es, bewusst nach dem Gegenteil zu suchen:
neutrale Signale
sichere Reize
freundliche Gesten
Nicht, um sich etwas schönzureden, sondern um das Bild wieder vollständiger zu machen.
Entgegengesetztes Denken
Gedanken verstärken Emotionen extrem.
Der Skill hier ist nicht „positiv denken“, sondern bewusst andere Inhalte aktivieren:
bei Angst → sichere Situationen vorstellen
bei Scham → Momente von Stolz oder Anerkennung
bei Neid → sich bewusst machen, was man selbst hat
Das verändert nicht sofort alles. Aber es verschiebt den inneren Fokus.
Entgegengesetzte Körperhaltung
Das klingt banal, ist aber unglaublich wirksam, denn der Körper verstärkt Emotionen.
Scham macht klein
Wut macht angespannt
Angst macht eng
Typische emotionale Haltungen können bewusst verändert werden:
aufrechte Haltung statt Zusammenziehen
offener Blick statt Abwenden
entspannte Muskulatur statt Anspannung
Diese Veränderungen wirken direkt auf das emotionale Erleben zurück.
Entgegengesetztes Handeln
Das ist oft der schwierigste Teil. Genau das Gegenteil von dem tun, was der Impuls sagt.
statt Rückzug → sich zeigen
statt Angriff → ruhig bleiben
statt Vermeidung → in der Situation bleiben
Und ja, das fühlt sich oft komplett falsch an. Aber genau das kann helfen, die Emotion langfristig zu verändern.
Der Held des Alltags – eine innere Orientierung in schwierigen Momenten
Der „Held des Alltags“ ist keine perfekte Person und auch kein unerreichbares Ideal. Es geht nicht um jemanden, der immer alles richtig macht oder nie Probleme hat. Sondern um eine Person, die in schwierigen Situationen stabiler, klarer und hilfreicher reagiert, als man es selbst in diesem Moment gerade kann.
Das kann eine reale Person sein, zum Beispiel:
eine beste Freundin
ein Partner
ein Familienmitglied
jemand, der einen gut versteht und unterstützend reagiert
Oder auch eine vorgestellte Figur, zum Beispiel:
eine Person, die man bewundert
eine frühere Version von sich selbst
oder eine fiktive Figur, die für bestimmte Werte steht
Wichtig ist nicht, wer diese Person ist. Wichtig ist, wie diese Person handelt.
In meinem Fall ist dieser „Held des Alltags“ meine beste Freundin. ❤️
Gerade in Momenten, in denen ich emotional nicht klar komme oder merke, dass meine Gedanken sehr einseitig werden, frage ich mich bewusst: Wie würde sie damit umgehen? Wie würde sie diese Situation lösen?
Und manchmal spreche ich auch direkt mit ihr darüber. Wenn ich feststecke, hilft es mir unglaublich, ihre Sicht zu hören, wie sie eine Situation einschätzt oder was sie konkret tun würde. Das gibt mir eine zweite Perspektive, die ruhiger und klarer ist als meine eigene in diesem Moment.
Woran erkennt man einen „guten“ Held des Alltags?
Ein hilfreicher Held des Alltags zeichnet sich nicht dadurch aus, dass er perfekt ist, sondern dadurch, dass er:
ruhig bleibt, auch wenn es schwierig wird
nicht impulsiv reagiert
langfristig denkt
verständnisvoll, aber klar handelt
nicht zusätzlich eskaliert
Er ist also nicht unbedingt emotional neutral, aber er lässt sich nicht vollständig von Emotionen steuern.
Wie der Held des Alltags genutzt wird
In einem Moment starker Emotionen ist die eigene Sicht oft eingeschränkt. Gedanken werden einseitig, Bewertungen verzerrt und Handlungsimpulse sehr dominant.
Der Held des Alltags hilft dabei, eine zweite Perspektive einzunehmen.
Die zentrale Frage ist: Was würde diese Person jetzt tun oder raten?
Oder noch konkreter:
Wie würde diese Person die Situation einschätzen?
Würde sie genauso reagieren?
Was wäre ihr nächster Schritt?
Dadurch entsteht Abstand zum eigenen Erleben.
Nicht, weil das Gefühl verschwindet. Sondern weil eine zusätzliche, stabilere Sichtweise dazukommt.
Der entscheidende Fokus
Ein wichtiger Punkt dabei ist: Es geht nicht darum, wie sich der Held fühlen würde. Sondern darum, wie er handeln würde. Denn auch stabile Menschen haben Gefühle. Der Unterschied liegt darin, wie sie damit umgehen.
Warum diese Skills zusammenwirken
Der HILFS-Skill schafft einen Moment der Reflexion. Die Strategien zur Abschwächung helfen, die emotionale Intensität zu regulieren.
Der Held des Alltags ergänzt das Ganze durch eine zusätzliche, stabilere Perspektive.
Gemeinsam ermöglichen diese Ansätze:
weniger impulsives Handeln
mehr bewusste Entscheidungen
einen konstruktiveren Umgang mit intensiven Emotionen
Abschluss
Emotionen sind ein wichtiger Teil des Erlebens. Schwierig wird es dann, wenn sie das Handeln vollständig bestimmen. Skills wie der HILFS-Skill, Strategien zur Emotionsregulation und der Held des Alltags können dabei helfen, genau diesen entscheidenden Moment zu schaffen: Den Moment zwischen Gefühl und Handlung.
Und genau dieser Moment ist oft der Punkt, an dem Veränderung möglich wird.
Gleichzeitig stehen diese Skills nicht für sich alleine. Sie sind Teil eines grösseren Umgangs mit Emotionen.
Weitere hilfreiche Ansätze können zum Beispiel sein:
Frühwarnzeichen erkennen, bevor die Emotion zu stark wird
verstehen, was Skills überhaupt sind und wann sie eingesetzt werden
erkennen, was einen Skill wirksam macht
einen eigenen Skillkoffer zusammenstellen
einschätzen können, welcher Skill in welcher Situation passt
All diese Bausteine greifen ineinander und können dabei helfen, Emotionen nicht nur zu verstehen, sondern auch im Alltag besser zu regulieren.
Weitere Beiträge dazu findest du in der Kategorie „Skills nutzen“.
Ich hoffe, ich konnte euch mit diesem Beitrag einen verständlichen und hilfreichen Einblick geben, wie diese Skills angewendet werden können.
Passt auf euch auf und habt einen schönen Tag. ❤️




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