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Wenn der Körper stehen bleibt und Brunhilde eskaliert

Hallo ihr Lieben


Im Moment fällt es mir schwer, das, was ich tue, wirklich als genug zu empfinden. Obwohl ich weiss, dass sich in meinem Alltag vieles verändert hat, fühlt es sich innerlich oft nicht so an. Ich bewege mich regelmässig, ich achte auf mein Essen, ich habe neue Routinen aufgebaut und arbeite kontinuierlich an mir. Von aussen betrachtet ist da Entwicklung, Veränderung, Fortschritt. Und trotzdem bleibt innen dieses ständige Gefühl, dass es nicht reicht.

Nicht, weil nichts passiert, sondern weil mein innerer Massstab so hoch angesetzt ist, dass selbst echte Fortschritte kaum durchkommen. Egal, wie viel ich mache, es ist nie genug. Diese Spannung zwischen dem, was objektiv da ist und dem, was ich mir innerlich erlaube zu fühlen, begleitet mich gerade sehr stark und genau darüber möchte ich heute schreiben.


Wenn die Waage zum Richter wird

Ein grosser Teil meines inneren Drucks entsteht aktuell durch die Waage. Nicht, weil sie objektiv etwas Schlechtes anzeigen würde, sondern weil sie nicht das zeigt, was ich mir wünsche, erhoffe oder gar erwarte. Es fühlt sich zu langsam an, zu zäh, einfach zu wenig. Und anstatt diesen Zustand als Teil eines normalen Prozesses einzuordnen, werde ich sehr hart mit mir.

Ich sehe Fortschritte und erkenne sie gleichzeitig nicht an. Ich habe viel erreicht und empfinde es trotzdem als ungenügend. Innerlich sage ich mir nicht: Das ist gut, sondern: Das müsste schneller gehen. Am Anfang warst du mehr im Defizit!

Genau dieses Denken setzt mich massiv unter Druck und sorgt dafür, dass selbst neutrale Phasen emotional extrem aufgeladen werden.


Eine junge Frau sitzt zusammengesunken auf dem Boden und hält sich den Kopf, waehrend ueber ihr eine Waage wie ein Richter auf einem Podest steht. Um sie herum schweben selbstkritische Gedanken wie „Zu langsam“, „Nicht genug“ und „Mehr Anstrengung“, die inneren Druck und Selbstverurteilung symbolisieren.

Erfolg, den ich mir selbst nicht erlaube

Dabei weiss ich rational sehr genau, dass ich viel geschafft habe. Ich habe über 16 Kilo abgenommen. Mein Alltag hat sich verändert und mein Umgang mit Essen ist bewusster geworden. Das sind Fakten. Und trotzdem gelingt es mir kaum, daraus Stolz oder Zufriedenheit zu ziehen.

Stattdessen meldet sich sofort Brunhilde, die relativiert, vergleicht und abwertet. Sie sagt mir, dass das noch nicht genug ist, dass ich weiter sein müsste und dass ich jetzt auf keinen Fall locker lassen darf. So wird selbst etwas, das eigentlich ein Erfolg ist, innerlich entwertet. Statt Erleichterung entsteht Anspannung, statt Freude Kontrolle.


Kontrolle als Sicherheitsstrategie

An diesem Punkt merke ich immer wieder, wie sehr Kontrolle für mich mit Sicherheit verknüpft ist. Das Kontrollieren von Essen, Bewegung und Gewicht ist nicht einfach ein Werkzeug, sondern eine Strategie, um mich ruhig zu halten. Solange alles planbar ist, ist innerlich etwas Stabilität da. Sobald diese Kontrolle wackelt, kippt die Stimmung sofort.

Dann taucht Brunhilde auf, die mir sagt, dass ich die Kontrolle verliere, dass ich es falsch mache, versagt habe und jetzt noch strenger sein müsste. Sie ist extrem laut und unglaublich anstrengend. Sie macht mich nervös, angespannt und müde. Und paradoxerweise ist sie genau das, was Fortschritt erschwert, weil sie Stress erzeugt, wo eigentlich Vertrauen und Stolz nötig wäre.


Wenn Routinen kippen, alles lauter wird und Brunhilde kommt

Hinzu kommt, dass meine Routinen im Moment nicht mehr so stabil sind wie noch vor einiger Zeit. Das Kalorienzählen läuft holprig. Nicht, weil ich es nicht mehr kann, sondern weil mir oft die innere Ruhe dafür fehlt. Es gibt Tage, an denen ich den Überblick verliere, weil mich Dinge von aussen so extrem stressen, und andere, an denen ich im Hyperfokus so gefangen bin, dass ich das Essen völlig vergesse und erst am Nachmittag merke, dass ich eigentlich noch nichts gegessen habe. Dann kommt der Hunger mit voller Wucht und ich halte es kaum aus, zu warten, bis ich was essen kann. Aufgrund des inneren und äusseren Stresses sind aktuell auch wieder starke Gelüste ein Thema. Nach Junkfood und Fastfood, nach süssem, deftigem, fettigem, dem schnellen Dopaminkick. Die Binge Gedanken kicken da auch wieder voll rein und genau in diesen Momenten wird Brunhilde besonders kritisch. Auch mein Alltag hat sich verschoben. Seit ich meinen Blog mache, hat sich mein Fokus verändert. Der Blog gibt mir unglaublich viel: Sinn, Halt und Ausdruck. Gleichzeitig saugt er mich manchmal so sehr ein, dass Struktur, Regelmässigkeit und Pausen in den Hintergrund rutschen. Es kommt noch dazu, dass mein Umfeld gerade nicht die gleiche Struktur lebt wie ich. Abends snacken, unregelmässig essen, wenig Überblick. Mir ist natürlich bewusst, dass jede Person ihren eigenen Rhythmus hat und haben darf. Aber emotional ist es für mich sehr schwer, meine eigene Disziplin einzuhalten, wenn meine Favorit Person nicht mehr konsequent ist. Vor allem dann, wenn meine eigene Stabilität ohnehin wackelt. Dieses innere und äussere Chaos macht alles lauter, vor allem die Selbstkritik.


Daueranspannung statt Vertrauen

Was dabei oft untergeht, ist, wie sehr ich mich dauerhaft unter Druck setze. Ich bin fast permanent im inneren Leistungsmodus. Selbst an Tagen, an denen ich viel mache, sagt etwas in mir, dass es mehr sein müsste. Selbst dann, wenn ich mich an meine Strukturen halte, meldet sich Brunhilde, die sagt, dass es nicht reicht.

Dieser innere Druck lässt kaum Raum für Zufriedenheit und schon gar nicht für Leichtigkeit oder Genuss.

Wenn ich mir beispielsweise etwas gönne und mal einen Tag keine Kalorien zähle um einfach mal zu leben, weil ich mich mit ner Freundin zum kochen treffe oder einfach mal ein no-Tracking-Day mache mit Kim und esse worauf ich Lust habe oder mal 200 kcal über meinen 1800 kcal liege, dann meldet sich direkt Brunhilde und schreit mich an wie schlecht ich bin und das jetzt alles kaputt ist.

Mein Körper macht gerade nichts falsch. Aber Brunhilde tut so, als wäre ich das Problem.


Warum mich das so stark triggert

Je mehr ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, dass dieser Druck nicht aus dem Nichts kommt. Ich habe früh gelernt, dass Anerkennung an Leistung geknüpft ist, dass Lockerlassen gefährlich ist und dass man sich Dinge verdienen muss. Diese Muster zeigen sich heute besonders stark im Umgang mit meinem Körper und meinem Gewicht.

Sobald etwas nicht nach Plan läuft, wird es nicht neutral wahrgenommen, sondern emotional bewertet. Nicht als Phase, sondern als persönliches Versagen. Brunhilde ist alt, sie ist hart und auch wenn ich weiss, dass sie nicht die Wahrheit spricht, fühlt sie sich oft sehr real an.


Was ich gerade versuche zu lernen

Ich bin mitten in einem Lernprozess. Ich versuche, Erfolg nicht nur an Zahlen festzumachen und vor allem nicht an Perfektion. Ich lerne, dass langsamer Fortschritt kein Rückschritt ist, dass Hunger, Gelüste und Schwankungen dazugehören und dass mein Wert nicht davon abhängt, wie kontrolliert alles gerade läuft.

Das ist nicht leicht. Und ich bin darin alles andere als perfekt. Aber vielleicht ist genau das im Moment meine eigentliche Aufgabe: nicht noch strenger zu werden, sondern ein kleines Stück freundlicher mit mir selbst umzugehen und etwas weniger auf Brunhilde zu hören.


Warum ich das teile

Ich schreibe diesen Text nicht, weil ich die eine Lösung habe, sondern weil ich merke, wie wichtig es für mich ist, diesen inneren Druck sichtbar zu machen, gerade dann, wenn von aussen alles gut aussieht. Nicht alles, was sich falsch anfühlt, ist falsch. Manches fühlt sich vielleicht nur ungewohnt an, weil alte Muster langsam bröckeln.


Ich hoffe, ich konnte Euch mit diesem Beitrag einen ehrlichen Einblick in diesen inneren Kampf geben und vielleicht auch zeigen, dass Ihr damit nicht allein seid.


Ich wünsche Euch einen schönen Tag und passt auf Euch auf. ❤️

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