Hyperfokus bei BPS – Wenn Fokus kein Flow mehr ist
- Stefanie Garmatter
- 13. Jan.
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 15. Jan.
Hallo ihr Lieben ❤️
Vielleicht kennt ihr das auch: Man ist hochmotiviert, kreativ, produktiv und plötzlich ist man stundenlang komplett in einer Sache drin. Essen vergessen, trinken vergessen, Zeitgefühl weg. Eigentlich total erschöpft, aber aufhören geht trotzdem nicht.
Viele kennen dieses Phänomen unter dem Begriff Hyperfokus, vor allem im Zusammenhang mit ADHS. Doch was ist, wenn man sich darin wiedererkennt und keine ADHS-Diagnose hat, sondern mit Borderline lebt?
Genau darüber möchte ich heute schreiben.
Was ist Hyperfokus eigentlich?
Klassisch wird Hyperfokus bei ADHS beschrieben als ein Zustand extrem gebündelter Aufmerksamkeit. Alles andere rückt in den Hintergrund, das Gehirn ist wie in einem Tunnel. Bedürfnisse wie Hunger, Durst oder Müdigkeit werden ausgeblendet.
Von innen fühlt sich das oft produktiv, sinnvoll und fast euphorisch an. Von aussen wirkt es manchmal wie enorme Leistungsfähigkeit, fast wie eine Art Superkraft. Genau deshalb wird dieser Zustand auch häufig positiv bewertet.
Das Problem ist nur: Von aussen sieht man nicht, was dieser Zustand den Körper kosten kann.
Wie zeigt sich das bei BPS?
Bei Borderline wird dieser Zustand meist nicht offiziell Hyperfokus genannt. Trotzdem erleben viele Betroffene etwas sehr Ähnliches.
Bei mir zeigt es sich so, dass es plötzlich nur noch diese eine Sache gibt. Ein Blogbeitrag, ein Projekt, Social Media Inhalte, organisatorische Themen oder auch ein Game. Ich verliere mich komplett darin und kann stundenlang durcharbeiten, obwohl mein Körper eigentlich längst Pause bräuchte.
Ich funktioniere zwar noch im Alltag. Ich gehe mit Blue raus, erledige Haushalt, gehe einkaufen oder kümmere mich um Termine. Aber diese Unterbrechungen stressen mich oft extrem. Sie fühlen sich nicht wie normale Alltagstätigkeiten an, sondern wie nervige Hindernisse, weil ich innerlich nur eines will: so schnell wie möglich zurück zu meiner Sache.
Mein Kopf ist dann immer bei dieser einen Sache, auch wenn mein Körper gerade etwas anderes macht. Ich kann mich kaum auf etwas anderes einlassen und werde schnell gereizt und nervös.
Der entscheidende Unterschied zu ADHS liegt weniger im Erleben, sondern mehr im Warum.
Der emotionale Motor dahinter
Bei BPS entsteht dieser starke Fokus oft aus emotionalen Gründen.
Er kann dazu dienen, Gefühle nicht spüren zu müssen, innere Leere zu überdecken, Anspannung zu regulieren, Kontrolle zurückzuholen oder Sinn und Struktur zu erzeugen.
Solange ich beschäftigt bin, ist es innen ruhiger. Ich muss mich nicht mit schwierigen Themen und Gefühlen befassen, die mich gerade belasten.
Fokus wird dann zu einer Bewältigungsstrategie. Nicht bewusst gewählt, sondern automatisch.
Und genau deshalb fühlt sich dieser Zustand manchmal nicht wie gesunder Flow an, sondern eher wie Getriebenheit.
Mein System ist gerade nicht im kreativen Höhenflug, sondern im Überlebensmodus mit hübschem Outfit.
Dieser Satz beschreibt für mich sehr gut, warum sich dieser Zustand zwar leistungsfähig anfühlt, aber trotzdem gefährlich werden kann.

Warum Aufhören so schwer ist
Aus diesem Zustand wieder rauszugehen bedeutet, langsamer zu werden. Und langsamer werden heisst fühlen. Müdigkeit, Leere, Unsicherheit oder Anspannung tauchen wieder auf. Gedanken fangen wieder an, laut zu werden.
Deshalb kommt dieses innere „nur noch kurz“, „das mache ich noch fertig“, „danach entspanne ich mich“. Und plötzlich sind wieder Stunden vorbei.
Selbst wenn ich merke, dass ich komplett erschöpft bin, fällt es mir schwer aufzuhören. Der Fokus trägt mich weiter, obwohl mein Körper längst am Limit ist. Entspannung fühlt sich dann nicht erholsam an, sondern fast bedrohlich.
Wann wird Fokus ungesund?
Nicht jeder intensive Fokus ist problematisch. Kritisch wird es dort, wo er in totale Erschöpfung führt.
Bei mir merke ich das daran, dass:
mein Körper dauerhaft ignoriert wird
ich über Tage hinweg kaum Pausen mache
Essen und Trinken zur Nebensache werden
alles ausser diesem einen Thema an Bedeutung verliert
ich zwar funktioniere, mich innerlich dabei aber dauerhaft angespannt fühle
Spätestens wenn ich merke, dass selbst Erschöpfung mich nicht mehr stoppen kann, ist klar: Das ist kein gesunder Flow mehr. Dann kostet mich dieser Fokus mehr, als er mir gibt.
Infobox:
Flow vs Überfokus, wo liegt der Unterschied?
Flow
- fühlt sich leicht und stimmig an
- der Fokus ist intensiv, aber nicht zwanghaft
- Pausen, Essen und Trinken sind möglich
- man kann bewusst aufhören oder unterbrechen
- der Körper fühlt sich danach meist zufrieden oder angenehm müde
- Energie wird genutzt, nicht aufgebraucht
Überfokus
- fühlt sich getrieben oder innerlich angespannt an
- es gibt fast nur noch dieses eine Thema
- Hunger, Durst und Müdigkeit werden ignoriert
- Unterbrechungen stressen und nerven
- Aufhören fällt extrem schwer, selbst bei Erschöpfung
- der Zustand kann sich über mehrere Tage ziehen
- danach bleibt oft Leere oder totale Erschöpfung zurück
Kurz gesagt:
Flow nährt dich.
Überfokus zehrt dich aus.
Ein erster liebevoller Umgang damit
Es geht nicht darum, diesen Fokus komplett zu verbieten. Er ist nicht falsch und nicht schlecht. Wichtig ist, ihn einzuordnen und zu begrenzen, statt ihm ausgeliefert zu sein.
Für mich heisst das nicht, weniger kreativ zu sein, sondern bewusster und achtsamer damit umzugehen.
Hilfreich kann sein:
klare Zeitfenster statt offenes Arbeiten, einen Timer stellen kann dabei hilfreich sein
Essen und Trinken als festen Bestandteil, nicht als Option
keine neuen Projekte anfangen, wenn man schon erschöpft ist
Ideen aufschreiben und parken, statt sie sofort umzusetzen
Nicht, um mich einzuschränken, sondern um mich zu schützen.
Zum Schluss
Dieser Beitrag ist entstanden, weil ich mich selbst immer wieder in diesen intensiven Fokuszuständen wiederfinde. Ich habe auf Social Media schon öfters Beiträge über ADHS gesehen, in denen vom sogenannten Hyperfokus gesprochen wurde. Viele Beschreibungen davon haben sich für mich erstaunlich vertraut angefühlt und ich habe Parallelen zu meinem eigenen Erleben erkannt.
Das hat bei mir die Frage ausgelöst, ob es so etwas wie Hyperfokus auch bei BPS gibt oder ob ich etwas ganz anderes erlebe. Aus diesem Grund habe ich mich intensiver damit beschäftigt und mich informiert. Dabei habe ich festgestellt, dass sich diese Zustände zwar sehr ähnlich anfühlen können, der Hintergrund bei BPS aber ein anderer ist als bei ADHS.
Mir war es wichtig, genau darüber zu schreiben. Nicht, um Diagnosen zu vermischen, sondern um dieses Erleben einzuordnen und verständlicher zu machen. Gerade weil viele sich darin wiedererkennen, ohne dafür Worte zu haben, und weil sich gewisse Symptome von BPS und ADHS sehr ähnlich anfühlen können.
Wenn Ihr Euch in diesem Text wiedererkennt, seid Ihr nicht allein. Viele Menschen mit BPS kennen diese Zustände, auch wenn kaum darüber gesprochen wird. Es ist kein Zeichen von Disziplinlosigkeit und kein persönliches Versagen. Es ist ein Nervensystem, das versucht, sich zu stabilisieren.
Ich hoffe, ich konnte Euch mit diesem Beitrag einen informativen Einblick in dieses Thema geben, Euch vielleicht ein Stück Orientierung schenken und zeigen, dass auch dieser Fokus eine Grenze hat, an der Selbstschutz wichtiger wird als Produktivität. Und dass Ihr mit diesem Erleben nicht allein seid.
Ich wünsche Euch einen schönen Tag und passt auf Euch auf. ❤️




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