Sind Menschen mit Borderline neurodivergent? - Warum ich mir diese Frage gestellt habe – und was sie in mir verändert hat
- Stefanie Garmatter
- 6. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 22. Jan.
Hallo Ihr Lieben ❤️
Diese Frage, ob Borderliner neurodivergent sind, habe ich mir nicht gestellt, weil ich ein neues Label gesucht habe, sondern weil ich irgendwann verstehen wollte, warum sich mein Erleben so anders anfühlt.
Warum Gefühle bei mir nicht einfach kommen und gehen, sondern manchmal alles überschwemmen. Warum Kleinigkeiten mich innerlich komplett aus der Bahn werfen können. Und warum ich mich so lange gefragt habe, ob ich einfach zu sensibel bin.
Neurodivergenz – ein Gedanke, der plötzlich Sinn gemacht hat
Für mich war es zunächst nur ein Gedanke – aber einer, der sich ungewohnt richtig angefühlt hat:
Vielleicht funktioniert mein Gehirn einfach anders.
Nicht falsch. Nicht kaputt. Sondern anders organisiert.
Was bedeutet Neurodivergenz überhaupt?
Neurodivergenz ist kein medizinischer Diagnosebegriff, sondern ein Konzept, das beschreibt, dass Gehirne unterschiedlich funktionieren. Es geht nicht um krank oder gesund, sondern um Unterschiede in der Art, wie Reize verarbeitet werden, wie Gefühle reguliert werden und wie das Nervensystem auf Stress reagiert.
Menschen mit neurodivergenten Gehirnen erleben die Welt oft intensiver, schneller oder ungefilterter. Gefühle kommen nicht einfach und gehen wieder, Reize lassen sich schlechter ausblenden und das innere Alarmsystem springt schneller an. Viele beschreiben eine hohe Sensibilität, emotionale Tiefe oder ein dauerhaft erhöhtes Stressniveau.
Der Begriff kann entlastend sein, weil er den Fokus weg von persönlichem Versagen und hin zu einem anders funktionierenden System verschiebt. Neurodivergenz bedeutet dabei nicht automatisch Einschränkung. Häufig gehen damit auch besondere Stärken einher, wie Empathie, Kreativität oder ein feines Wahrnehmen. Gleichzeitig leben wir in einer Welt, die stark auf neurotypische Funktionsweisen ausgelegt ist und genau das macht den Alltag für viele so herausfordernd.
Menschen gelten zum Beispiel als neurodivergent, wenn sie
ADHS
Autismus
Dyslexie oder Dyskalkulie
Tourette
oder andere neurologische Besonderheiten haben.
Borderline – und dieses dauernde Zuviel
Borderline wird offiziell als Persönlichkeitsstörung eingeordnet. Lange Zeit habe ich das sehr persönlich genommen. Als wäre meine Persönlichkeit das Problem.
Doch mein Alltag fühlt sich nicht an wie „schwierige Eigenschaften“. Er fühlt sich an wie:
ein Nervensystem, das ständig unter Strom steht
Emotionen, die sofort extrem stark sind
Reizüberflutung, auch in scheinbar harmlosen Situationen
eine enorme Sensibilität für Stimmungen, Worte, Blicke
Das alles passiert nicht bewusst. Es passiert, bevor Denken überhaupt einsetzen kann.

Wenn ein Nervensystem früh lernen musste zu überleben
Erst viel später habe ich verstanden: Mein Nervensystem hat nicht überreagiert – es hat sich angepasst.
An Unsicherheit.
An emotionale Unberechenbarkeit.
An das Gefühl, immer wachsam sein zu müssen.
Ein Nervensystem, das so aufwächst, entwickelt andere Prioritäten:
Sicherheit vor Ruhe.
Beziehung vor Selbstschutz.
Überleben vor Regulation.
Warum ich mir die Frage nach Neurodivergenz überhaupt gestellt habe
Der Auslöser für diese Gedanken war Kim und seine ADHS-Diagnose.
Je mehr ich mich durch ihn mit ADHS beschäftigt habe – aus Nähe, aus Verständnis, aus Interesse –, desto öfter hatte ich diesen Moment im Kopf: Moment mal … das kenne ich.
Nicht alles. Aber mehr, als ich erwartet hätte.
Mir sind Dinge aufgefallen, die ich lange einfach als „typisch ich“ abgetan habe, wie zum Beispiel:
Ich verlege ständig Dinge und vergesse kurz danach, wo ich sie hingelegt habe.
Ich gehe ohne Einkaufsliste einkaufen und komme mit vielem zurück – nur nicht mit dem, was ich eigentlich gebraucht hätte.
Ich gehe in die Küche oder in einen anderen Raum und vergesse, was ich dort wollte.
In Gesprächen schweife ich manchmal innerlich ab, obwohl ich zuhören möchte.
Ich bin oft vergesslich, zerstreut, ein bisschen „durch den Wind“.
Das sind nur ein paar Beispiele. Früher habe ich mir dafür Vorwürfe gemacht. Heute stelle ich mir eher eine andere Frage: Ist das wirklich Charakterschwäche – oder einfach eine andere Art von Gehirn?
Zwischen Borderline, Trauma und ADHS-ähnlichen Symptomen
Was es kompliziert macht: Viele dieser Dinge lassen sich auch durch Trauma und chronischen Stress erklären.
Ein Nervensystem, das dauerhaft auf Alarm steht, hat:
weniger Kapazität für Konzentration
Schwierigkeiten mit dem Arbeitsgedächtnis
Probleme, bei Gedanken und Gesprächen zu bleiben
Das bedeutet: Nicht jedes ADHS-ähnliche Symptom ist automatisch ADHS. Aber auch nicht alles lässt sich pauschal mit „Borderline“ erklären.
Und genau diese Grauzone ist wichtig.
Warum sich Borderline oft neurodivergent anfühlt
Viele Menschen mit Borderline haben zusätzlich ADHS oder Autismus – oft unerkannt. Diese Überschneidungen erklären, warum sich so viele Betroffene im neurodivergenten Konzept wiederfinden.
Nicht alles ist Borderline. Manches ist Reizverarbeitung. Manches ist Überforderung. Manches ist ein Nervensystem, das nie gelernt hat, wirklich runterzufahren.
Also: Sind Borderliner neurodivergent?
Offiziell: Nein. Im Erleben vieler Betroffener: zumindest teilweise.
Borderline ist keine klassische Neurodivergenz. Aber es ist sehr oft ein Ausdruck von: hoher neurobiologischer Sensibilität + frühen Belastungen + fehlender Regulation.
Und dieser Blick hat für mich etwas verändert.
Keine Selbstdiagnose – aber eine neue Haltung
Ich weiß nicht, ob ich ADHS habe. Und dieser Text ist keine Selbstdiagnose.
Aber das Beschäftigen mit Neurodivergenz hat mir etwas sehr Wertvolles gegeben:
➡️ mehr Nachsicht mit mir selbst.
Nicht mehr:
„Ich bin chaotisch, unkonzentriert, zu viel.“
Sondern:
„Vielleicht braucht mein Gehirn andere Strukturen, mehr Unterstützung und weniger Härte.“
Allein dieser Perspektivenwechsel hat Druck herausgenommen.
Fazit
Ob Borderline offiziell als neurodivergent gilt, ist für mich heute nicht mehr die wichtigste Frage. Wichtiger ist, wie wir unser Erleben einordnen.
Wenn wir aufhören, Borderline nur als „schwierige Persönlichkeit“ zu sehen, und anfangen, es als Ausdruck eines hochsensiblen, überlasteten Nervensystems zu verstehen, entsteht etwas Neues:
Verständnis. Selbstmitgefühl. Und vielleicht zum ersten Mal das Gefühl, nicht falsch zu sein.
Ich hoffe, dieser Text konnte Euch etwas Verständnis für dieses innere Zuviel geben und dafür, dass manche Nervensysteme einfach anders funktionieren. Ich wünsche Euch einen schönen Tag. ❤️




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