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BPS trifft ADHS: Zwei neurodiverse Welten vereint unter einem Dach

Hallo ihr Lieben ❤️


Ich schreibe diesen Beitrag nicht, weil unsere Beziehung schwierig ist, sondern weil sie echt ist. Kim und ich sind seit 14 Jahren zusammen. Unsere Liebe ist intensiv, tief und gewachsen. Wir wissen, dass wir uns aufeinander verlassen können, wenn es hart auf hart kommt. Egal wie chaotisch oder überfordernd es gerade ist – wir stehen füreinander ein. Wir vertragen uns meist schnell wieder, und Loyalität ist etwas, das zwischen uns nie infrage steht.

Gleichzeitig leben wir mit zwei Diagnosen, die unseren Alltag stark prägen: Borderline-Persönlichkeitsstörung und ADHS. Das macht unsere Beziehung nicht schlechter – aber komplexer. Und genau darüber möchte ich schreiben, über BPS trifft ADHS.


Leben mit BPS in einer Beziehung

Mit BPS zu lieben heißt, intensiv zu lieben. Gefühle sind bei mir nicht leise oder im Hintergrund, sondern präsent, laut und manchmal überwältigend. Nähe gibt mir Sicherheit. Distanz, Rückzug oder ein veränderter Tonfall können sich schnell bedrohlich anfühlen, auch wenn sie nicht so gemeint sind.

Meine Reaktionen passieren dann oft impulsiv. Worte kommen schneller heraus, als ich sie sortieren kann. Gefühle wollen sofort Raum. Nicht, weil ich Drama suche, sondern weil mein Nervensystem gerade Alarm schlägt und mich schützen will.


Leben mit ADHS in einer Beziehung

ADHS zeigt sich bei Kim ganz anders. Sein Kopf ist ständig in Bewegung. Gedanken springen, Reize prasseln ungefiltert auf ihn ein, Aufmerksamkeit ist schwer zu halten. Abschalten, abdriften oder sich zurückziehen ist für ihn oft ein notwendiger Selbstschutz.

Was sich für mich manchmal wie Ignoriert werden anfühlt, ist bei ihm häufig Überforderung oder Hyperfokus. Was für mich ein klärendes Gespräch ist, kann für ihn im falschen Moment einfach zu viel sein.


Impulsivität – auf beiden Seiten

Ein großer gemeinsamer Nenner zwischen BPS und ADHS ist die Impulsivität. Nur zeigt sie sich unterschiedlich.

Bei mir ist sie emotional. Gefühle sind sofort da und sehr intensiv.Bei Kim ist sie eher gedanklich und im Verhalten. Reaktionen, Entscheidungen oder Worte passieren schnell, oft ohne lange Filter.

Schwierig wird es, wenn sich diese Impulsivität gegenseitig triggert. Wenn ich emotional sofort reagiere, fühlt er sich schnell überfordert oder unter Druck gesetzt. Wenn er impulsiv ausweicht, abschaltet oder das Thema wechselt, trifft mich das tief und aktiviert alte Ängste. Beide Reaktionen entstehen aus Überforderung – nicht aus fehlender Liebe.


Viele Schnittstellen, mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede

Was oft übersehen wird: BPS und ADHS haben viele Schnittstellen. Ein sensibles Nervensystem, Schwierigkeiten mit Selbstregulation, schnelle Reizüberflutung, starke Stressreaktionen und ein hohes Bedürfnis nach innerer Sicherheit.

Wir kennen beide das Gefühl, innerlich zu viel zu sein. Wir gehen nur unterschiedlich damit um. Diese Gemeinsamkeiten verbinden uns – sie sorgen dafür, dass wir uns in manchen Momenten sehr tief verstehen. Gleichzeitig verstärken sie Konflikte, wenn unsere Bewältigungsstrategien sich widersprechen.


Zwei Tonhirne, eines grau auf grauem Hintergrund mit der Aufschrift „BPD” und violetten, gelben und orangefarbenen Formen, und eines blau auf rosa Hintergrund mit der Aufschrift „ADHD” und roten, grünen, blauen und orangefarbenen Formen.

Gegensätze im Alltag – wenn dasselbe Entspannung oder Stress bedeutet

Im Alltag zeigen sich unsere Unterschiede oft in ganz einfachen Situationen. Dinge, die für den einen beruhigend sind, können für den anderen schnell überfordernd werden.

Kim fühlt sich häufig wohler, wenn um ihn herum viel passiert. Laute Musik, mehrere Geräusche gleichzeitig, vielleicht noch ein Gespräch nebenbei – all das kann ihn entspannen. Sein Nervensystem bekommt dadurch genau die Stimulation, die es braucht, um nicht innerlich unruhig oder unterfordert zu sein. Gerade durch sein ADHS helfen ihm diese Reize, sich zu regulieren.

Für mich ist genau das Gegenteil der Fall. Zu viele Geräusche, laute Musik und gleichzeitige Gespräche stressen mich schnell und überfordern mein Nervensystem. Alles kommt ungefiltert an, nichts lässt sich ausblenden. Statt Nähe oder Entspannung entsteht innere Anspannung – manchmal so stark, dass ich kaum noch richtig ansprechbar bin oder sogar gereizt reagiere

Diese Gegensätze zeigen sich auch beim gemeinsamen Fernsehen. Kim ist dabei oft im Hyperfokus. Hyperfokus bedeutet, dass sich die Aufmerksamkeit extrem stark auf eine Sache richtet, während alles andere ausgeblendet wird. Er ist dann ganz im Film oder in der Serie. In solchen Momenten ist Kim nicht absichtlich abwesend oder desinteressiert – sein Gehirn ist schlicht vollständig auf einen Reiz eingestellt.

Wenn ich ihn in diesem Zustand anspreche und keine Reaktion bekomme, fühlt sich das für mich schnell wie Ignoriert werden an. Aus diesem Gefühl heraus werde ich manchmal ungeduldig oder patzig – nicht, weil ich ihn angreifen möchte, sondern weil alte Verletzungen berührt werden. Für Kim fühlt sich meine Reaktion wiederum wie ein Angriff an, weil er mich nicht absichtlich übergeht, sondern in dem Moment einfach nicht erreichbar ist.

So entsteht manchmal eine Dynamik, in der wir beide verletzt reagieren, obwohl keiner von uns dem anderen schaden will. Zwei unterschiedliche Arten von Überforderung treffen aufeinander – und verstärken sich gegenseitig.

Gleichzeitig fällt es mir schwer, mich selbst voll auf den Film zu konzentrieren. Schon kleine Ablenkungen reichen aus, damit ich den Faden verliere. Ich bekomme vieles mit – aber nichts richtig.

Für Kim ist wist hingegen genau das Gegenteil möglich. Er kann während des Fernsehens auch nebenbei am Handy sein oder am Computer sitzen und trotzdem dem Inhalt folgen. Mehrere Reize gleichzeitig helfen seinem Gehirn, aufmerksam zu bleiben. Was für mich pures Chaos wäre, ist für ihn oft genau die richtige Mischung.

Ein weiterer Alltagsschnittpunkt ist unsere Art, zu entspannen. Kim braucht oft aktive Entspannung – zum Beispiel in die Stadt zu gehen, unter viele Menschen, Neues zu entdecken, soziale Kontakte zu haben. Sein offenes, menschenfreundliches Wesen macht ihm solche Erlebnisse angenehm und belebend.

Für mich ist das Gegenteil der Fall. Große Menschenmengen, laute Straßen und viele Reize rauben mir schnell Energie und überfordern mich – auch wenn ich mich mit Freunden oder Familie treffe. Ich bin eher zurückhaltend und brauche Ruhe, weil ich oft Angst habe, beurteilt oder verurteilt zu werden. Das heißt aber nicht, dass ich Menschen generell ablehne oder unsozial bin – es geht schlicht um mein Nervensystem und meine Energie.

Auch hier wollen wir beide dasselbe – Abstand vom Alltag, Erholung, Verbindung – doch unsere Wege dorthin könnten nicht unterschiedlicher sein. Erst als wir verstanden haben, dass das kein Widerstand oder fehlende Lust am Zusammensein ist, sondern einfach unterschiedliche Bedürfnisse und Neurodiversität, konnten wir solche Momente bewusster gestalten.

Trotz all den Gegensätzen finden wir immer wieder zueinander. Wir sprechen darüber, beruhigen uns, erklären unsere Sicht – und kommen meist schneller wieder aufeinander zu, als man es von außen vielleicht erwarten würde. Unsere Verbindung trägt uns auch durch diese Momente.


Medikation, Kontrolle und das, was sich anstaut

Ein weiterer Unterschied liegt im Umgang mit den Symptomen. Für ADHS gibt es Medikamente aus der Gruppe der Stimulanzien, die vielen Betroffenen helfen, sich zu fokussieren, Reize besser zu filtern und im Alltag zu funktionieren – besonders im Berufsleben.

Für Borderline gibt es diese eine medikamentöse Lösung nicht. Keine Tablette, die Emotionen leiser dreht oder innere Spannungen einfach verschwinden lässt. Der Umgang mit meinen Symptomen passiert größtenteils über Therapie, Skills, Selbstreflexion und viel innere Arbeit – jeden einzelnen Tag.

Was dabei oft vergessen wird: Auch Medikation bedeutet Anpassung und Kontrolle. Wenn Kim einen ganzen Arbeitstag hochfokussiert, strukturiert und innerlich gebremst war, kommt er abends nach Hause und lässt diese Spannung fallen. Dann zeigt sich manchmal, was sich über Stunden angestaut hat.

In solchen Momenten kann es passieren, dass der Ton schneller schärfer wird oder die Geduld kürzer ist. Nicht, weil er mich abwerten möchte, sondern weil sein Nervensystem schlicht erschöpft ist und die medikamentöse Regulation abfällt.

Für mich ist das nicht immer leicht. Es triggert alte Verletzungen und das Gefühl, nicht gesehen oder ernst genommen zu werden. Gleichzeitig hilft mir dieses Wissen, nicht alles sofort persönlich zu nehmen – auch wenn meine Gefühle dadurch nicht weniger real sind.


Orangefarbene Papierausschnitte eines Gehirns auf einer Holzoberfläche, mit verwickelten Schnüren, bunten Pillen und Buchstabenplättchen, die „ADHD“ bilden.

Zum Schluss - Wir sind kein Gegeneinander

Was ich mit diesem Beitrag zeigen möchte: Wir kämpfen nicht gegeneinander. Wir kämpfen beide mit Überforderung, alten Mustern und einem Nervensystem, das schneller in Alarm geht als bei vielen anderen.

Verständnis heißt dabei nicht, alles hinzunehmen. Aber es hilft, weniger zu verletzen, bewusster zu reagieren und einander nicht ständig falsch zu lesen.

Unsere Beziehung ist nicht perfekt. Aber sie ist getragen von Verständnis, Vertrauen, Loyalität und der Gewissheit, dass wir uns haben – auch wenn es gerade schwer ist. Und vielleicht ist genau das die wichtigste Grundlage, wenn BPS und ADHS aufeinandertreffen.


Danke, dass ihr euch die Zeit genommen habt, das zu lesen. Ich hoffe, dieser Text konnte einen ehrlichen Einblick geben und vielleicht ein kleines Stück Verständnis schaffen. Ich wünsche euch einen schönen Tag. ❤️

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