Menschen werden schwarz oder weiss - Splitting bei BPS
- Stefanie Garmatter
- 22. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Hallo ihr Lieben
Es gibt Momente, da fühlt sich ein Mensch von einem Augenblick auf den anderen komplett anders an. Im einen Moment noch vertraut, wichtig, nah. Im andern Moment plötzlich fremd, bedrohlich oder unerträglich. Nicht, weil sich diese Person objektiv verändert hat, sondern weil sich innerlich etwas verschoben hat.
Dieses Erleben ist für viele Menschen mit Borderline sehr vertraut. Es hat einen Namen. Splitting.
Und genau darüber möchte ich Heute einen Beitrag schreiben, um dieses Symptom etwas besser zu erklären.
Was bedeutet Splitting eigentlich?
Splitting beschreibt ein Denken in Extremen. Menschen, Situationen oder auch man selbst werden entweder als gut oder schlecht erlebt, sicher oder gefährlich, richtig oder falsch. Grautöne verschwinden. Dazwischen gibt es scheinbar nichts.
Wichtig ist dabei, Splitting ist keine bewusste Entscheidung. Es ist kein Manipulieren und kein Drama. Es ist ein Schutzmechanismus des Nervensystems, der greift, wenn Gefühle zu intensiv werden und innerlich nicht mehr regulierbar scheinen.
Das Gehirn versucht, Ordnung zu schaffen, indem es vereinfacht. Komplexe Realität wird auf zwei Pole reduziert. Schwarz oder weiss.
Warum tritt Splitting bei BPS so häufig auf?
Menschen mit Borderline erleben Gefühle intensiver, schneller und oft überwältigender. Nähe kann Sicherheit bedeuten, aber auch enorme Angst auslösen. Besonders die Angst vor Verlassenwerden spielt hier eine grosse Rolle.
Wenn emotionale Spannung zu hoch wird, sucht das innere System nach Entlastung. Splitting ist dann ein Versuch, Kontrolle zurückzugewinnen. Wenn jemand ganz gut ist, fühlt sich Nähe sicher an. Wenn jemand ganz schlecht ist, kann man innerlich auf Distanz gehen und sich schützen.
Das Problem ist nicht das Bedürfnis nach Schutz, sondern die Härte dieser inneren Umschaltung.
Wie sich Splitting im Alltag zeigt
Splitting kann sich sehr unterschiedlich zeigen. Manche erleben es vor allem in engen Beziehungen, andere auch im Arbeitsumfeld oder sogar im Kontakt mit sich selbst. Es entsteht nicht immer aus grossen Konflikten. Oft reichen Kleinigkeiten.
Bei mir kann es zum Beispiel schon passieren, wenn sich jemand nicht meldet. Oder wenn jemand etwas sagt oder tut, das sich für mich falsch anfühlt. In solchen Momenten kippt innerlich etwas. Dieser Mensch fühlt sich plötzlich nicht mehr sicher an. Nicht mehr gut. Sondern schwarz.
Manchmal bleibt dieses Schwarz sehr hartnäckig. Auch wenn ich rational weiss, dass mein Gegenüber nicht plötzlich ein schlechter Mensch geworden ist, fühlt es sich emotional trotzdem so an. Der Weg zurück zu weiss ist dann schwierig und braucht Zeit.
Und manchmal ist es genau andersherum. Dann wechselt es schnell. Von weiss zu schwarz und wieder zurück. Gut, schlecht, gut, schlecht. Innerlich fühlt sich das oft chaotisch an, auch für mich selbst.
Typische Anzeichen von Splitting sind:
starke Idealisierung von Menschen, gefolgt von plötzlicher Abwertung
Gedanken wie: immer, nie, alles oder nichts
heftige emotionale Reaktionen auf kleine Auslöser
schneller Wechsel zwischen Nähe suchen und Rückzug
das Gefühl, sich selbst oder andere plötzlich nicht mehr zu erkennen

Der Einfluss von aussen
Ein Punkt, der beim Splitting oft unterschätzt wird, ist der Einfluss von aussen.
Wenn mir eine Person, die mir wichtig ist, etwas Negatives über jemand anderen erzählt, kann das mein inneres Bild massiv verändern. Besonders dann, wenn ich dieser Meinung vertraue. Der Mensch, den ich vorher mochte, wird plötzlich schwarz, obwohl ich selbst vielleicht gar keine schlechte Erfahrung gemacht habe.
Auch hier greift das gleiche Muster. Mein System sucht Orientierung und Sicherheit und übernimmt Bewertungen von aussen, um innere Unsicherheit zu reduzieren. Das macht es später oft sehr schwer, dieses Bild wieder zu verändern.
Was Splitting mit Beziehungen macht
Splitting belastet Beziehungen stark, aber nicht immer auf die gleiche Weise. Nach aussen sieht es oft ganz anders aus, als es sich innerlich anfühlt.
In Freundschaften erlebe ich Splitting häufig sehr still. Ich werde nicht laut, ich schreie nicht, ich mache keine Szene. Stattdessen ziehe ich mich zurück. Ich melde mich nicht mehr, antworte verzögert oder gar nicht und beginne innerlich abzuwerten. Für mein Gegenüber wirkt es dann oft so, als hätte sich der Kontakt einfach verlaufen. Viele merken gar nicht, dass sie innerlich längst schwarz geworden sind.
Das macht diese Form von Splitting besonders tückisch. Nach aussen bleibt alles ruhig, aber innerlich ist die Beziehung bereits gekappt. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Überforderung.
In meiner Partnerschaft sieht Splitting dagegen oft ganz anders aus. Nähe triggert hier stärker, Gefühle sind intensiver und schwerer zu regulieren. Ich werde emotional, lauter, sage Dinge, die verletzen. Worte werden schärfer, Abwertung wird ausgesprochen. Und danach kommt fast immer das gleiche Gefühl. Extreme Scham, Selbsthass und das Gefühl, komplett versagt zu haben.
Beide Formen tun weh. Dem Gegenüber und auch mir selbst. Der Unterschied liegt nicht in der Absicht, sondern in der Nähe. Je näher eine Beziehung ist, desto stärker reagiert mein Nervensystem.
Splitting ist dabei selten ein bewusster Angriff oder böse gemeint. Meist ist es ein Versuch, sich vor innerer Überflutung zu schützen. Leider auf eine Weise, die Beziehungen oft beschädigt.
Splitting bedeutet nicht, dass jemand schlecht ist
Ein ganz wichtiger Punkt. Splitting sagt nichts über den Charakter eines Menschen aus. Es sagt etwas über die innere Regulation aus. Über ein Nervensystem, das sehr früh lernen musste, schnell zu reagieren, um sich zu schützen.
Menschen mit Borderline sind nicht beziehungsunfähig. Sie erleben Beziehungen intensiver. Genau das macht sie verletzlicher.
Was im Umgang mit Splitting helfen kann
Splitting lässt sich nicht einfach abstellen. Aber es lässt sich besser verstehen und mit der Zeit auch besser begleiten.
Hilfreich können sein:
das eigene Muster erkennen, ohne sich dafür zu verurteilen
Gefühle wahrnehmen, ohne sofort zu handeln
Zeit zwischen Impuls und Reaktion schaffen
sich bewusst fragen, ob gerade ein Schwarz Weiss Denken aktiv ist
Skills nutzen, um innere Anspannung zu senken
Grautöne entstehen nicht durch Zwang, sondern durch Sicherheit.
Ein persönlicher Gedanke zum Schluss
Splitting fühlt sich oft absolut an. In dem Moment ist es wahr, echt und unumstösslich. Und genau deshalb ist es so schwer, sich selbst zu vertrauen.
Für mich hilft es, mir immer wieder bewusst zu machen, dass Gefühle gerade sehr laut sind, aber nicht automatisch die ganze Wahrheit erzählen. Dass Menschen nicht von heute auf morgen komplett gut oder komplett schlecht werden, auch wenn es sich so anfühlt.
Ich hoffe, ich konnte Euch mit diesem Beitrag einen ehrlichen und verständlichen Einblick in das Thema Splitting bei BPS geben. Vielleicht habt ihr Euch in manchen Zeilen wiedererkannt oder etwas Neues über Euch selbst oder jemanden den Ihr kennt verstanden. Ich hoffe, ich konnte euch zeigen, dass dieses Erleben erklärbar ist und etwas Verständnis schaffen.
Ich wünsche Euch einen schönen Tag und passt auf Euch auf!




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